Bolivien - Jucker - Kakteen      

 
 
Feldarbeit
Etappe 1
La Paz - Cochabamba
November 2002

Alle Bilder wurden ab Dias digitalisiert.
Auf dieser Wanderung von La Paz nach Cochabamba wollte ich herausfinden, wie weit sich die Gattung Sulcorebutia nach Norden ausgebreitet hat. Bis anhin war bekannt, dass die nördlichsten Verbreitungsgebiete sich in der Provinz Ayopay, Dep. Cochabamba, befinden. Meine Absicht war, in dieses Gebiet vorzustossen und von dort weitere Gebiete bis nach Cochabamba zu erforschen.






Meine Reise begann südlich von La Paz bei meinem Freund Walter Schmid, der in Mallasa am Oberlauf des Rio La Paz das Hotel Oberland betreibt.

Rio La Paz südlich La Paz


Von dort wanderte ich an der Ostseite des Rio La Paz flussabwärts. In diesem weiten Tal befindet sich in hohen Lagen das Hauptverbreitungsgebiet der Lobivia backebergii, HJ 436, das weiter südlich bis in die Cord. Quime Cruz bei Araca reicht. Oreocereus pseudofossulatus ist ebenfalls und nur hier im oberen Abschnitt des Rio La Paz verbreitet, jedoch nicht bis ins westlich gelegene Hochland.

Lobivia backebergii HJ 436 - Pico de Diablo südlich La Paz

Mepoca am Rio La Paz

Kulturpflanzen von Lobivia backebergii HJ 436: Klon 1, 2 und 4.


Kartoffel Kultur - Valle de La Luna bei Meapoca

HJ 436b Lobivia backebergii - Valle de la Luna

HJ 435 Echinopsis bridgesii - Rio La Paz

Oreocereus pseudofossulatus - Rio La Paz


In diesem Hochtal befindet sich auch das nördlichste Verbreitungsgebiet des Corryocactus melanotrichus, der auch im Süden von Bolivien zu finden ist.

Corryocactus melanotrichus - Rio La Paz


In tieferen Lagen findet man, wenn auch selten, noch einen anderen Vertreter des Corryocactus. Ich vermute, es handelt sich um Corryocactus pulquinensis. Der Typstandort befindet sich allerdings im Tiefland von Santa Cruz im Osten von Bolivien.

Corryocactus pulquinensis - Rio La Paz

Cerus comerapana mit Tillandsia usnoides - Rio La Paz

Mexikanischer Stachelmohn (Argemone mexicana),
Erd-Burzeldorn Tribulus und Puya spec.


Dort wo der Rio La Paz nach Osten sich durch eine enge Schlucht zwängt, liegt der Standort der Parodia echinus, Ritter, HJ 934. Es ist der nördlichste Standort aller Parodienarten.

HJ 934 Parodia echinus - Rio La Paz

Kulturbilder Klon 6


Verlässt man den Rio La Paz nach Süden, gelangt man in eine trockene menschenfeindliche Region.

Cleistocacus spec. und Puyas und Tillandsien





Ausschnitt aus dem Tagebuch:
Es war der 11. November 2002 als ich früh morgens am Rio La Paz den 1´500 m hohen Aufstieg nach Araca in Angriff nahm. Es war ein strahlend schöner Tag, und ich hatte vier Liter Wasser dabei, das sollte für einige Stunden reichen. Bereits früh morgens fühlte sich die Sonne an wie ein Brennglas. Die Landschaft ist kahl, vertrocknet und Schattenbäume gibt es keine.

Blick zum Nevada Illimani 6`400 m

So gegen Mittag war mein Wasservorrat beinahe aufgebraucht, und ich suchte nach möglichen Wasserstellen in den kleinen Seitentälern, jedoch ohne Erfolg. Mein Wasservorrat war längst aufgebraucht, und der Durst wurde langsam zur Qual. Auch meine Energie hat am Nachmittag deutlich nachgelassen. Ein Schokoladenriegel könnte hilfreich sein, dachte ich. Doch das war keine gute Idee, denn der Schokoladenriegel blieb in der völlig ausgetrockneten Kehle stecken. In diesem Fall könnte Wasser hilfreich sein, doch ich hatte keines mehr, und so musste ich mich gedulden, bis sich der Riegel von selbst aufgelöst hatte. Unter diesen lebensbedrohlichen Umständen war ein Weiterlaufen nicht gerade sinnvoll. In einer Seitenschlucht unter einem Felsvorsprung fand ich Schutz vor der glühenden Sonne und wartete ab. Die Fortsetzung am späten Nachmittag war deutlich angenehmer, doch ich war schwach auf den Beinen. Meine Kehle war ausgetrocknet und es fühlte sich an, ob diese mit Sand gefüllt sei. Speichel gab es keinen mehr und schlucken war nicht mehr möglich. Die Augen flimmerten und die Landschaft war nur undeutlich zu erkennen. Der Vollmond stand bereits senkrecht am Himmel, als ich um Mitternacht nach sechzehn Stunden rauschendes Wasser hörte. Ich dachte zuerst ich hätte Halluzinationen. Doch dann sah ich einen weissen Haufen aus dem Wasser sprudelte. Die Freude war gross, aber gleichzeitig auch getrübt. Das Wasser war warm und sehr bitter, aber glasklar. Das Wasser stammt aus Kalkablagerungen vulkanischen Ursprungs und ist hochgradig mit Calciumcarbonat vermischt. Diese Situation kam mir vor, wie wenn jemand in der Wüste vor einem Wasserloch steht mit dem Hinweis (Achtung Gift - kein Trinkwasser). Doch soll ich vor diesem Wasserloch kläglich verdursten, fragte ich mich. Die Frage war nicht, ob ich daran sterben würde, sondern wie heftig der Durchfall sein wird. Bevor ich mich an dieses Experiment heranwagte, habe ich die Zeltplane ausgerollt, damit ich mich draussen hinlegen konnte oder auch nicht, je nachdem was passieren wird. Vorgesehen war, dass ich nur so viel Wasser trinke, wie unbedingt nötig. Doch das Wasser ist derart bitter und scheusslich, dass man es nur literweise in sich hineinschütten kann, um nicht gleich wieder erbrechen zu müssen. Dann war abwarten angesagt, und ich legte mich hin. Es dauerte nicht lange und in meinem Bauch fing es an zu rumpeln und dann ging es los, was zu befürchten war. Als sich der Morgen bemerkbar machte, war das getrunkene Wasser wieder weg und der Durst plagte mich von neuem. Erschöpft und ohne Wasser erreichte ich am frühen Nachmittag Araca. Dort lernte ich den deutschen Hans Hesse kennen mit Familie, der hier seit vielen Jahren lebt. Er besitzt ein schönes Haus inmitten von Obstgärten. Seine wunderbare Gastfreundschaft während zweier Tage verhalf mir, mich zu erholen und meine Reise fortzusetzen.

Fam. Hans Hesse in Araca





Oberhalb der Ortschaft Araca in hohen Lagen am Fusse der Cord. Quime Cruz befindet sich ein weitgehend unbekannter Standort der Puya raimondii.

Puya raimondii oberhalb der Ortschaft Araca


Am selben Ort wie die Puya raimondii auf 4´100 m findet man das südlichste Vorkommen von Lobivia backebergii und Formen von Lobivia caespitosa HJ 936, die weitläufig in hohen und feuchten Lagen verbreitet sind.

Lobivia backebergii

Bomarea spec.

Lobivia caespitosa fa. HJ 936

Kulturbilder: Lobivia caespitosa fa. HJ 936-1


Mit einem klapprigen Bus ging es weiter nach Quime und Inquisivi. Wegen einer gebrochenen Vorderachse, die unterwegs zuerst repariert werden musste, dauerte die Fahrt etwas länger.



Auf einem Lastwagen holperte ich weiter bis nach Jaco Pampa am Oberlauf des Rio Sacambaya. Er ist zugleich Grenzfluss zwischen den beiden Departamentos La Paz und Cochabamba. Von nun an werden meine Schuhsolen wieder strapaziert. Es geht weiter in Richtung Independencia.



Orchidee: Trichocentrum aff.


Beim Abstieg zum Rio Sacambaya gelangt man an den am weitesten nach Westen verbreiteten Standort der Parodia ayopayana HJ 937. Diese sind vor allem in tiefen Lagen entlang grösserer Flusstäler im Ayopaya-Gebiet zu finden. Das gleiche gilt auch für den basalverzweigten bis zu drei Meter hohen Cleistocactus laniceps.

Parodia ayopayana HJ 937

Kulturbilder: HJ 937 Klon 4, 6, 7, 11 und 12

Cleistocactus laniceps


Von diesem Trockental geht es hoch in einen Nebelwald und weiter auf einem 4´000 m hohen nach Süden verlaufenden Gebirgszug.


Polylepis Wald

Tal des Rio Sacambaya


Auf dem Cerro Khala Cruz 4´000 m in feuchtkühlem Klima findet man wieder Lobivia caespitosa HJ 938.


Lobivia caespitosa fa. HJ 938


Independecia ist Sitz der Verwaltung der Provinz Ayopaya.



Von Independencia wanderte ich oberhalb des Rio Negro wieder nach Norden bis ins Mündungsgebiet des Rio Negro/Rio Sacambay. Beim Abstieg zum Rio Sacambaya entdeckte ich mit grosser Freude den ersten Standort von Sulcorebutien. Die aus Standort-Samen gezogenen Pflanzen und jahrelangen Beobachtungen und Vergleiche mit anderen Populationen aus der Region, haben gezeigt, dass es Formen sind von Sulcorebutien arenacea var. candiae HJ 939. Es ist der nördlichste Standort dieser Art.

Sulcorebutien arenacea var. candiae HJ 939

Kulturpflanze: HJ 939 Klon 1

Kulturpflanzen: HJ 939 Klon: 6, 8, 12, 16, 18, 20, 21 und 23


Wenige hundert Höhenmeter tiefer oberhalb des Rio Sacambaya fand ich erneut einen Standort von Sulcorebutien in einer mit Flechten bewachsen Schutthalde. Es ist eine extrem bedornte Form von Sulcorebutia arenacea var. menesesii HJ 940. Bereits Fridrich Ritter hatte ähnliche Formen weiter südlich am Rio Negro gefunden.


Sulcorebutia arenacea var. menesesii HJ 940

Kulturpflanzen: HJ 940 Klon: 2, 3, 5, 9, 12, 17 und 22

Gütertransport am Rio Sacambaya


Reichhaltige Vegetation auf dem Gelände der Hacienda Pampa Grande am Rio Sacambaya.

Bild 1+2: Furcraea spec., Bild 3: Furcraea boliviensis
Furcraea treiben bis 5m hohe Bluetenstände

Parodia ayopayana

Harrisia tephracantha

Cleistocactus laniceps

Opuntia spec.

Bromeliengewächse


Da es von hier keinen direkten Weg gibt nach Cotacayes, habe ich mich in der Nähe bei der Familie Garcias auf der Hacienda Pampa Grande erkundigt, ob es möglich sei, den Rio Sacambaya/Rio Cotacayes hinunterzulaufen. Wegen des hohen Wasserstands wurde mir gesagt, dass es nur mit Pferden möglich sei und auch mit diesen sei es schwierig. Da die Familie fern ab jeglichen Strassen lebt, besitzen sie einige Pferde und Maultiere. So kam es, dass zwei Burschen bereit waren mich mit Pferd und Maultier während zwei Tagen auf diesem abenteuerlichen Trip nach Cotacayes zu begleiteten. Doch die starken Regenfälle in der Nacht hatten den Fluss ansteigen lassen, und wir mussten das Unternehmen auf den nächsten Tag verschieben. So verbrachte ich zwei wunderschöne Tage in dieser Abgeschiedenheit mit tropischen Fruchtbäumen und einer Kokaplantage, von der die Familie hauptsächlich lebt.

Bei Familie Garcias, Hacienda Pampa Grande

Kinder von Jorge Garcia mit Harrisia tephracantha Blüten

Vorbereitungen für Expedition nach Cotacayes

Coca Plantage Hacienda Pampa Grande

Bromeliengewächs am Rio Cotacayes

Eine von vielen Überquerungen am Rio Cotacayes





Ausschnitt aus dem Tagebuch:
Auf der Strasse ging es weiter von Catacayes zuerst zu Fuss und dann mit einem Toyota der Gesundheitskommission von Cochabamba nach Cotapate aufs Hochland. Als die Leute dort ihre Arbeiten erledigt hatten, fuhren wir weiter nach Süden in die Nacht hinein. Der Fahrer wusste genau, wo ich aussteigen wollte, um auf den Weg zu gelangen der zum Rio Negro führt. Als der Fahrer anhielt war es stock finster. Er sagte wir sind da. Wir stiegen aus und laufen zu einem Haus ganz in der Nähe. Er klopft an die Tür, und es dauerte lange, bis sich knirschend die Tür öffnet. Ein alter Mann steht verschlafen mit einer Öllampe vor uns. Die beiden Männer sprachen einige Worte in Quechua und dann sagte der Fahrer, ich könne hier schlafen. Der alte Man führt mich in das nur wenige Quadratmeter grosse Haus. Mittendrin steht ein riesengrosses Bett, auf dem die ganze Grossfamilie schläft. Was anschliessend in der Familie gemurmelt wurde, konnte ich nicht verstehen. Auf jeden Fall sind danach, Jung und Alt näher aneinandergerückt, ein Hinweis, es hat noch Platz für mich. Eigentlich wollte ich nicht, dass sich diese Menschen bei diesen ohnehin schon engen Verhältnissen noch mehr einschränken müssen. Doch in diesem kleinen Haus gab es keinen anderen Platz, um mich ausgestreckt hinlegen zu können. Es war kalt hier oben auf 4´000 m und der einzige Vorteil war, ich musste unter diesen Umständen nicht frieren. Wirklich geschlafen habe ich nicht, der Geruch war etwa so wie in einem Schweinestall, und am Morgen war ich völlig verstochen von diesen miesen Bettwanzen. Doch all dies kann man problemlos ertragen, wenn man eine solche Herzlichkeit und Gastfreundschaft zu spüren bekommt.






Weiter ging es zu Fuss über eine Punalandschaft in Richtung Rio Negro. In tieferen Lagen durchquere ich einen nebelverhangenen Bergurwald mit zahlreichen epiphytischen Pflanzen auf Bäumen, auch Echeverien, die auf Bambussträuchern wachsen.

Hochland östlich des Rio Negro

Nebelwald mit Bromeliengewächse

Tillandsia usnoides

Echeveria spec. HJ 949 (Bild 2-4: Kulturpflanze)


Als ich oberhalb des Rio Santa Rosa/Rio Negro nach Süden unterwegs war, begegnete ich zwei Indios, die mich aufforderten in ihr nahegelegenes Dorf Pucarani zu kommen. Obwohl sie anfänglich sehr freundlich waren, ahnte ich nichts Gutes. Sie sagten, ich müsse hier im Dorf übernachten und brachten mich in einen Geräteschuppen. Ich hatte meinen Rucksack noch nicht abgestellt, war die Tür bereits verriegelt.

Kartoffeltransport

Puya spec.


Diese ganze Geschichte und eine ähnliche noch schlimmere kann man in dem vorliegenden Protokoll lesen, das ich später bei meinem Freund Walter in La Paz geschrieben habe. Dieses habe ich anschliessend persönlich auf dem Schweizer Konsulat in La Paz als Information abgegeben. Wie im Protokoll beschrieben, wurde ich nach 16 Stunden Haft im Dunkeln ohne Wasser in die Schlucht des Rio Santa Rosa verbannt. Dahin wollte ich sowieso, doch einen 1´400 m tiefen Abstieg ohne Wasser bei dem Klima war gefährlich und menschenunwürdig. Schon bald entdeckte ich eine weitere Population von Sulcorebutia arenacea var. candiae HJ 941 und HJ 942. Es sind ähnliche Formen, wie man sie auf der gegenüberliegenden Seite vom Tal bei Santa Rosa finden kann, und seit längerem bekannt sind. Doch manche dieser gefundenen Pflanzen zeigen eine aussergewöhnlich dichte und lange Bedornung. Obwohl geschwächt von Durst und Strapazen nahm ich mir die Zeit, die Pflanzen zu dokumentieren und Samen zu sammeln.

Sulcorebutia arenacea var. candiae HJ 941

Kulturpflanzen: HJ 941 Klon: 1, 4, 5, 11, 13, 17, 20, 22, 33, 2x 36 und 38

Sulcorebutia arenacea var. candiae HJ 941a

Kulturpflanzen: HJ 941a Klon: 2, 3, 4, und 7

Sulcorebutia arenacea var. candiae HJ 942


Erschöpft am Rio Santa Rosa angekommen, konnte ich endlich meinen Durst löschen. Dort wächst verbreitet Paraodia ayopayana. Im Gegensatz zu der weiter nördlich wachsenden Parodia ayopayana sprossen diese stark und der Habitus zeigt ein etwas anderes aussehen.

Parodia ayopayana HJ 943 mit Cylindropuntia spec. Rio Santa Rosa

Parodia ayopayana HJ 943 Rio Santa Rosa

Tillandsia paleacea


Hier unten am Rio Santa Rosa machte ich meine letzten Fotos, denn bei meiner Wanderung weiter nach Süden wurde ich im Dorf Condor Nasa wieder eingesperrt und der Film in der Kamera wurde beschlagnahmt. Was dort alles vorgefallen ist, kann man im Protokoll lesen. Unter diesen Umständen war es nicht mehr möglich, meine Reise wie geplant fortzusetzen und reiste nach 24 Tagen Abenteuer zurück nach La Paz.

Im Nachhinein war ich froh, diese schöne und weniger schöne Zeit heil und ohne Schaden überstanden zu haben.




Literatur:
Echinopseen 3 (2) 2006
Eine Revision der Sulcorebutien des nördlichen Verbreitungsgebietes Teil 2 W. Gertel/J. de Vries