Bolivien - Jucker - Kakteen      

 
 
Feldarbeit
Etappe 5
Sorata - Chusi - Guanay
November 2001

Alle Bilder wurden ab Dias digitalisiert.
Auf diesem Trip sind zwei Reiseetappen vorgesehen. Auf der ersten möchte ich auf dem Goldgräberpfad (Camino del Oro) von Sorata nach Guanay die verschiedenen Klima- und Vegetationszonen kennenlernen. In der zweiten Etappe reise ich nach Tarija in den Süden Boliviens, um dort weitere Kakteengebiete zu erforschen.

Karte Sorata mit Titicacasee




Nach einem Kurzbesuch auf der Isla del Sol fahre ich mit Bus in das östlich gelegene Sorata am Fusse des Nevada Illampu. Dieser auf 2´800 m gelegene Ort mit angenehmem Klima ist besonders für Wanderer und Bergsteiger ein beliebtes Ausflugsziel. Sorata hat kolonialen Ursprung und war im 19. Jahrhundert Treffpunkt für Goldsucher, Kautschukbarone und Freiheitskämpfer. Überraschenderweise finde ich im Ort ein Touristbüro, das geführte Berg- und Wandertouren anbietet. Da es gleich zu Beginn der Tour einen 2´000 m hohen Aufstieg gibt, entschloss ich mich einen Führer mit Maultier zu mieten, der mich bis ins letzte Dorf vor dem Pass bringt.

im belebten Zentrum von Sorata





Ausschnitt aus dem Tagebuch
11. November Sorata
Etwas verspätet komme ich ins Trekkingbüro, wo Alfredo mein Führer schon wartet. Er hat seinen Mulla oberhalb einer langen Treppe parkiert. Dort stehen noch andere Maultiere und eine Gruppe Franzosen, die ich beim Frühstück kennen gelernt habe. Sie machen eine zweitägige Tour zum Nevada Illampu. Für eine Weile laufen wir in die gleiche Richtung und plaudern über alles Mögliche, bis uns die Wege trennen. Der Weg führt jetzt steil in unendlichen Serpentinen hoch in Richtung Pass und ich bin froh, ohne Rucksack laufen zu müssen, dies wäre mehr als brutal gewesen. Kurze Zeit später begegnet uns ein holländisches Paar. Sie sind wütend, frustriert und fluchen wie die Rohrspatzen. Sie sagen, sie seien auf dem Pass von drei Pistoleros ausgeraubt worden. Kamera, Geld und Pässe seien weg. Dies macht mich nachdenklich, da ich ja am nächsten Tag ebenfalls über diesen Pass muss. Wir machen Mittagspause und Alfredo ist begeistert von meinem mitgebrachten Landjäger aus der Schweiz. Als wir das letzte kleine Dorf Lackathiya auf 3´800 m erreichen, sagen mir die Leute, dass ich auf dieser Seite vom Pass nichts zu befürchten hätte, und ich solle hier in der Nähe die Nacht verbringen. Das holländische Paar hatte hier übernachtet und über die Räuber berichtet.

Aufstieg mit Alfredo ins Dorf Lackathiya

Ich verabschiede mich von Alfredo und laufe noch ein Stück weiter Richtung Pass bis auf ca. 4´300 m. Hier ist das Gelände nur leicht hügelig und ideal, um das Zelt aufzubauen. Von hier aus sieht man auch den Weg, der an steilen Felsklippen hoch bis zum Pass führt. Es kann sein, dass mich die Banditen bereits entdeckt haben, und ich warte noch mit Zelt Aufbauen, und suche nach einem Ort, der oben vom Pass nicht sichtbar ist. Dann plötzlich aus dem Nichts kommen mir zwei Buben entgegen, die hier oben Lamas hüten. Sie sagen, sie hätten weiter oben am Pass die Räuber gesehen. Ich befinde mich also in einer verzwickten Situation, und dennoch entschliesse ich mich zu bleiben. Schon bald ziehen dicke Wolken auf und im Nu werde ich unsichtbar, dazu fängt es auch noch an zu regnen, und es ist scheiss kalt, also richtig ungemütlich. Doch ausnahmsweise bin ich zufrieden mit diesem Wetter, und so fühle ich mich wesentlich sicherer. Eigentlich müsste ich nach diesen Strapazen einen Bärenhunger haben, doch dieser hält sich in Grenzen und ich bin unruhig und nervös. Bis spät in die Nacht bleibe ich hellwach, getraue mich kaum zu atmen und bei jedem kleinsten Geräusch bekomme ich Herzklopfen.

Übernachtungscamp oberhalb Lackathiya mit Nevada Illampu


12. November Lackathiya
In der Nacht war es sternenklar und die Kälte treibt mich früh aus dem Schlafsack. Der Morgen ist ruhig und friedlich und keine Räuber weit und breit. Der Nevada Illampu steht fast wolkenlos hinter mir, und ich bin überglücklich, die Nacht unversehrt überstanden zu haben. Nach einer warmen Suppe packe ich meine Sachen zusammen und mache mich etwas beunruhigt auf den Weg Richtung Pass. Die restlichen 600 Höhenmeter sind zu einem grossen Teil gut überblickbar, doch es gibt auch Orte, wo grosse Felsbrocken herumliegen, wo sich die Räuber verstecken können. Ich laufe also sehr aufmerksam und mache des Öfteren Pause, um die Lage immer wieder neu zu beurteilen. Doch es bleibt ruhig und still, also nichts Verdächtiges. Doch kurz vor der Passhöhe, wo es wiederum grosse Felsen gibt und viele gute Versteckmöglichkeiten, erhöht sich mein Puls rapide, und ich muss jeden Moment mit einem Angriff rechnen. Doch es bleibt weiterhin ruhig und still, und schon bald habe ich einen herrlichen Blick ins weite Tal des Rio Tipuani. Nun endlich kann ich sorgenlos die wunderschöne Landschaft und die vielfältige Hochgebirgs-Flora geniessen. Unbeschwert nehme ich den Abstieg ins Tal in Angriff und erreiche am späteren Nachmittag den kleinen Ort Ancoma 3´900 m am Rio Tipuani.

Nevada Illampu 6´400 m

Unbekannte Pflanze östlich Sorata 4´400 m Dep. La Paz, Provinz Larecaja

Viola spec. östlich Sorata 4´400 m Dep. La Paz, Provinz Larec

Ancoma 3´900 m Dep. La Paz, Provinz Larecaja

Im Dorf frage ich die Leute nach einer Unterkunft, doch alle schütteln den Kopf, ausser einem ziemlich verwahrlosten Mann der sagt, er hätte eine Bleibe für mich. Er brachte mich zu einer Steinhütte ohne Türen und Fenster und der Boden ist vollbedeckt mit Ziegendreck, und es stank fürchterlich, eben eine Bleibe für die Ziegen. Das ist aber sicher nicht wonach ich gesucht habe, und lehnte dankend ab. Hier im Dorf hätte ich mich sicherer gefühlt, doch nun muss ich weiter talabwärts laufen und weiss nicht, ob ich verfolgt werde. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass die Räuber hier aus dem Dorf stammen. Später gelange ich in einen buschartigen Wald oberhalbe des Rio Tipuani und finde etwas abseits vom Weg am Fluss ziemlich versteckt einen schönen Platz für die Nacht. Dieser erste Tag mit dem Rucksack hat mich wirklich in die Knie gezwungen, und es gibt kaum einen Ort an meinem Körper, der nicht schmerzt. Aber ich will nicht jammern und bin dankbar, diesen Tag heil überstanden zu haben.




Der Weg entlang des Rio Tipuani führt zunächst durch eine Buschlandschaft mit offenen Grasflächen. Schon bald entdecke ich die ersten blühenden Pflanzen.

Tagblume (Commelina) Commelinagewächse, Camino del Oro 3´600 m, Dep. La Paz, Provinz Larecaja

Fuchsia boliviana mit traubigen Blütenständen, Camino del Oro 3´600 m, Dep. La Paz, Provinz Larecaja

Fuchsia spec. Bis 2 m hohe holzige Sträucher, Camino del Oro 3´600 m, Dep. La Paz, Provinz Larecaja


Der steinige und glitschige Weg aus der Zeit der Inkas führt zunehmend durch dichten Bergurwald. Man kann sehen, dass dieser nicht oft begangen wird. Im schattigen Unterholz wachsen zahlreiche tropische Farnarten und urtümliche Flechten mit kleinwüchsigen Tillandsien, die in fast allen Höhenlagen zu finden sind.

Am Rio Tipuani

Tüpfelfarngewächs mit Flechten (Lichen), Camino del Oro 3´500 m - 2´800 m Dep. La Paz, Provinz Larecaja

verschiedene Flechten (Lichen), Tillandsien und vermutlich eine Pilzart
Camino del Oro 3´500 m -2´800 m, Dep. La Paz, Provinz Larecaja


Weiter talwärts wird der Rio Tipuani zunehmend grösser und wegen des milderen Klimas auch die Pflanzenvielfalt. Durch diesen faszinierenden tropischen Garten zu laufen ist einmalig und voller Überraschungen. Man wird buchstäblich gefangen gehalten, und man kommt vom Staunen und Bewundern kaum vom Fleck.

Rio Tipuani und Epidendrum secundum fa. Orchideengewächs mit Streifenfarngewächs (Aspleniaceae)
Camino del Oro 2´800 m - 2´400 m, Dep. La Paz, Provinz Larecaja

Streifenfarngewächs (Aspleniaceae) mit Sporenbehälter
Camino del Oro 2´800 m - 2´400 m, Dep. La Paz, Provinz Larecaja

Trichocentrum fa. (Orchideengewächs) am Rio Tipuani
Camino del Oro 2´800 m - 2´400 m, Dep. La Paz, Provinz Larecaja

Passionsblume (Passiflora vitifolia)
Camino del Oro 2´800 m - 2´400 m, Dep. La Paz, Provinz Larecaja

blaue Passionsblume (Passiflora caerulea)
Camino del Oro 2´800 m - 2´400 m, Dep. La Paz, Provinz Larecaja

Begonia spec. Schiefblattgewächs (Begoniaceae)
Camino del Oro 2´800 m - 2´400 m, Dep. La Paz, Provinz Larecaja

Peperomia spec. Pfeffergewächs (Piperaceae)
Camino del Oro 2´800 m - 2´400 m, Dep. La Paz, Provinz Larecaja


Vor allem auf Felsen und niedrigen Büschen entlang von Bachläufen tummeln sich verschiedene Arten von Heuschrecken.




Verschiedene Heuschrecken (Orthoptera) entlang von Bachläufen
Camino del Oro 2´800 m - 2´400 m, Dep. La Paz, Provinz Larecaja


Dort wo die Bäume nicht so hochgewachsen und der Wald weniger dicht ist, stehen immer wieder vereinzelt oder in kleinen Gruppen Baumfarne (Cyathea delgadii). Diese bis zu 10 m hohen baumartigen Pflanzen mit ihren weit ausladenden gefiederten Blättern faszinieren immer wieder.

Baumfarn (Cyathea delgadii), jüngere Blätter vor dem Entrollen und vollentwickelte gestielte, gefiederte Blätter
Camino del Oro 2´800 m - 2´400 m, Dep. La Paz, Provinz Larecaja


Ich hatte mein Stativ aufgebaut und war am Pflanzen Fotografieren, als plötzlich Kinder vor mir standen. Sie waren erschrocken und wie gelähmt, als ob ein Ausserirdischer vor ihnen stehen würde mit merkwürdigem Gerät in der Hand. Doch das änderte sich schnell und ihre Gesichter strahlten, als ich ihnen einen Schokoriegel überreichte. Vermutlich hatten sie noch nie eine solche Köstlichkeit geniessen können. Sie leben im nahegelegenen Hof weit weg von der Zivilisation.

Kinder mit Hof auf dem Camino del Oro


Dieses Wurmfarngewächs (Dryopteridaceae), das beim Entrollen der Jungblätter ein schleimiger Saft ausscheidet, ist besonders attraktiv. Diese wachsen im schattigen dichten Unterholz hoher Bäume.

Wurmfarngewächs (Dryopteridaceae), entrollen von Jungblättern
Camino del Oro 2´800 m - 2´400 m, Dep. La Paz, Provinz Larecaja


Am späteren Nachmittag haben starke Regenfälle mich gezwungen mein Zelt auf dem Weg aufzubauen. Leider verwandelte sich dieser zu einem Gebirgsbach und ich verbrachte die Nacht in einem Wasserbett.

Ungewöhnlicher Campingplatz


Am Boden im Halbschatten wie auch epiphytisch auf Bäumen wachsen zahlreiche verschiedene Arten und Unterarten von Bromeliengewächsen. Sie sind in tiefen bis hohe Lagen weit verbreitet.

Am Boden wachsende Bromeliengewächse
Camino del Oro 2´600 m - 2´000 m, Dep. La Paz, Provinz Larecaja

Bromeliengewächs mit Epidendrum fa. (Orchideengewächs)
Camino del Oro 2´600 m - 2´000 m, Dep. La Paz, Provinz Larecaja

Verschiedene epiphytische Bromeliengewächse auf Bäumen
Camino del Oro 2´600 m - 2´000 m, Dep. La Paz, Provinz Larecaja

Heliconia spec. (Helikoniengewächse)
Camino del Oro 2´000 m, Dep. La Paz, Provinz Larecaja


Auf ca. 2´000 m Höhe verengt sich das Tal und der Rio Tipuani zwängt sich durch eine schmale Schlucht. Hier einen Weg zu bauen entlang dieser steilen Felswände mit zahlreichen Wasserfällen war auch für die Architekten der Inkas nicht zu bewältigen, und so bauten sie diesen ca. 30 m langen Tunnel, was für die damalige Zeit eine Meisterleistung war.

Inka-Tunnel in einer engen Schlucht des Rio Tipuani


Mehr und mehr komme ich in die Gebiete, wo Goldgräber in ihren Schürfplätzen herumwühlen, und wenn nötig diese auch mit Schusswaffen verteidigen, sagt mir dieser Mann. Ob ich auch nach Gold suchen würde, fragte er. Nein, für mich seien die Vielfalt der Pflanzen hier eine Goldgrube. Es sei nicht ganz ungefährlich sich in dieser Gegend aufzuhalten, sagte er und schaufelte weiter.

Goldgräbersiedlung am Rio Tipuani und Goldgräber


Endlich nach fünf Tagen finde ich einen richtig schönen und bequemen Campingplatz. Und wenn man sich frühmorgens in dieser Stille gemütlich hinsetzt bekommt man vom Urwaldsender ein unglaublich vielfältiges Konzert von Tiergeräuschen zu hören. Da gibt es zirpende, sägende, brummende und summende Insekten und verschiedene Papageienarten, die sich kreischend auf Bäumen sammeln, oder das brummen der Kolibris, die im Eiltempo nach Nektar suchen. Dazu gibt es in der Nähe bei herabstürzenden Wasserfällen in einem grossen Pool das lang ersehnte Bad mit schöner Sicht in die immergrüne Landschaft.

Camping im lockeren Urwald

Kolibris spec. Camino del Oro 2´000 - 1´200 m, Dep. La Paz, Provinz Larecaja.

Bademöglichkeit im immergrünen Urwald

Bild 1+2: vermutlich ein Rötegewächse (Rubiaceae)
Bild 3: vermutlich ein Hundsgiftgewächse (Apocynaceae) Rauvolfioideae
Bild 4: vermutlich Blüte vom Kondurangostrauch (Marsdenia cundurango)
Camino del Oro 2´000 - 1´200 m, Dep. La Paz, Provinz Larecaja.

Eine unbekannte Pflanzen
Camino del Oro 2´000 - 1´200 m, Dep. La Paz, Provinz Larecaja.


Der tropische Wurmfarn, verwandt mit unserem heimischen Wurmfarn (Dryopteris filix-mas) oder gewöhnlicher Wurmfarn, wächst vor allem an grasbewachsenen oder wenig buschigen Steilhängen und bedeckt mancherorts grosse Flächen.

Tropischer Wurmfarn verwandt mit unserem heimischen Wurmfarn (Dryopteris filix-mas), Jüngere Blätter vor dem Entrollen
Camino del Oro 2´000 m - 1´400 m, Dep. La Paz, Provinz Larecaja.





Ausschnitt aus dem Tagebuch:
17. November 2001 - Chusi
Nach 6 Tagen im Bergurwald erreiche ich das kleine primitive Goldgräbernest Chusi. Der Ort besteht lediglich aus einigen wenigen Bretterbuden am Steilhang, die teilweise auf Stelzen stehen. Es wird hier im kleinem stiel mit Hilfe von Wasserschläuchen Gold gewaschen und auch verkauft. In der einzigen Spelunke sagte mir die Wirtin, dass der Fussweg weiter nach Unutujuni nicht mehr begehbar sei, weil teilweise die Brücken fehlen, aber morgen würde ein Toyota Land Cruiser fahren. Ich könne im oberen Stock schlafen, und zu essen gäbe es, wenn die Goldgräber am Abend von der Arbeit zurückkehren, das ist ja ein richtig netter und schöner Empfang. Im ersten Stock oberhalb der Küche auf dem Bretterboden richte ich mein Nachtlager ein. Es scheint, als ob ich nicht der einzige bin, der hier oben schlafen würde. In einer Ecke liegen ausgebreitet Decken, Kissen und Schuhe herum. Mal schauen, was da heute Abend noch auf mich zu kommt.

Die Frau in der Küche ruft, ich könne jetzt Suppe essen, wenn ich möchte, ein Gemisch von Gemüse, Knochen und etwas Fleisch. Das ist gut, denn ich habe seit heute Morgen nichts mehr gegessen. Schon bald kommen die ersten Goldsucher, die einen direkt von den Schürfplätzen, dreckig von oben bis unten. Sie sind hungrig und schlürfen die Suppe im Eiltempo, und es wird laut in der Bude, und bald ist der Laden voll von unterschiedlichsten Gestalten. Es wird gefeiert mit molligen Indioweibern und lauter Musik, bis der letzte Bolo aus der Hosentasche fällt.

Das Goldgräbernest Chusi mit einigen wenigen Bretterbuden

Ich schaue diesem Treiben noch eine Weile zu und verzieh mich anschliessend in den oberen Stock, der sich mittlerweile in eine Räucherkammer verwandelt hat, wegen der darunter liegenden Küche, und es gibt keine Fenster zum Lüften. Ans Schlafen ist also nicht zu denken und zu dem dröhnt der Lärm von unten, dass die Ohren schmerzen. Irgendwann ist es still geworden und schon bald steigen die Küchenfrauen mit ihren Kindern die Treppe hoch. Sie haben mein Nachtlager nicht gesehen und die Kinder schreien und trampeln auf mir herum. Doch irgendwann haben alle ihre Schlafplätze gefunden, und es wurde still.

Dann plötzlich gab es Blitz und Donner und es fing heftig an zu regnen. Es dauert nicht lange, bis es von der Decke tropft. Dummerweise genau dort, wo ich mich hingelegt habe. Dann kommt so viel Wasser, dass ich schnellstens eine neue Bleibe suchen muss. Der einzige trockene Ort ist bei den Frauen. Diese liessen mit Freude meine Nähe problemlos gewähren, und so konnte ich doch noch für ein paar Stunden schlafen.


18. November 2001 - Chusi
Reisefertig sitze ich vor der Spelunke und schaue zu, wie die Goldschürfer bewaffnet mit Pickel und Schaufel, manche auch mit Schusswaffen, durchs Dorf marschieren zu ihren Schürfplätzen. Sie graben oberhalb und unterhalb vom Dorf ganze Hänge ab. Um den abgebauten Schutt zu waschen, wurden Bäche umgeleitet und wegen des starken Regens der letzten Nacht führt auch ein Teil mitten durchs Dorf.

Ich sehe, dass der Toyota Land Cruiser mit Gepäck beladen wird und frage, ob ich mitfahren könne. "Sicher sagt der Mann" und schon strecke ich ihm den Rucksack hoch auf den Gepäckträger. Ich zwänge mich in den bereits mit 11 Personen gefüllten Toyota, und einer sitzt noch auf dem überladenen Gepäckträger.

Kaum haben wir das Dorf verlassen, führt der aufgeweichte, verschlammte Weg steil den Abhang hinunter. Bewusst steuert der Fahrer den Toyota in die tief eingefahrene Spur. Danach gibt es für den Fahrer nichts mehr zu tun, denn der Toyota fährt wie auf Schienen den Abhang hinunter. Das Bremsen auf dieser Schmierseife zeigt wenig Wirkung. Doch schon bald naht die erste scharfe Kurve und meine Nerven liegen blank. Glück gehabt, wir bleiben in der Spur, alles gut gegangen und weiter geht's wie auf einer Bobbahn, der reinste Horror. Die junge Frau neben mir stillt friedlich ihr Baby, und es wird gequatscht und gelacht, als wäre dies ein normaler Sonntagsausflug ins Grüne. Dann endlich kommen wir vor einem wilden Gebirgsfluss zum Stehen.

Von Chusi nach Llipi mit Flussdurchquerung

Hier ist die Fahrt zunächst einmal zu Ende, da der Fluss zu viel Wasser führt. Der Fahrer glaubt, dass der Fluss in ca. zwei Stunden wieder befahrbar sei. Doch der Wasserpegel ging nur unwesentlich zurück, und so fahren wir über den Fluss. Nicht die Tiefe von ca. 1m treibt mein Adrenalinspiegel wieder in die Höhe, sondern die starke Strömung, denn nur wenige Meter weiter unten stürzt sich der tobende Rio Tipuani im engen Flussbett in die Tiefe. Sollten wir dort hineingespühlt werden, wäre dies das Ende dieser hirnverbrannten Fahrt und auch das Ende für uns alle. Bis unter die Sitze füllt sich der Toyota mit Wasser, doch wir schaffen es mit letzter Kraft.

Der schmale Weg, der nicht breiter ist als der Toyota, geht jetzt so steil hoch, dass der Motor mancherorts ins Stocken kommt. Weiter oben entlang der Felsen, wo das Gelände fast senkrecht in die Tiefe fällt, kommt das Unfassbare. Die Leute haben beim Bau der Strasse vergessen, eine Kurve zu bauen, oder es war zu aufwendig. Doch wie geht es jetzt weiter ohne Kurven? Für den Fahrer ist dies überhaupt kein Problem. Er fährt ein Stück weiter in eine Sackgasse und von dort geht es rückwärts weiter hoch bis zur nächsten Kurve und wieder vorwärts bis zur nächsten Kurve.

Doch irgendwann sind wir mit dem rechten Hinterrad über den steilen Strassenrand abgerutscht und das linke vordere Rad liegt in der Luft. Ich reagiere schnell und springe aus dem Auto und setzte mich auf den vorderen linken Kotflügel. Obwohl die Situation äusserst kritisch ist und wir jederzeit abstürzen könnten, bleiben die Leute noch lange unbeeindruckt im Auto sitzen. Mit Stossen und Gewichtsverlagerung schafften wir es aus dieser brenzligen Situation herauszukommen.

Im nächsten Tal stehen wir wieder vor einem Fluss, doch auf der anderen Seite ist die Auffahrt weggespült und es gibt kein Durchkommen. Kurz entschlossen, fährt der Fahrer einfach flussabwärts durch die Stromschnellen, es rumpelte und grollte und ich denke, dies sei nun endgültig das Ende meiner Reise. Zeitweise ist das Wasser so tief, dass wir steuerlos in den Fluten treiben. Doch drei Flussschlaufen weiter unten erreichten wir das steinige Ufer und können den Fluss verlassen und gelangen wieder auf den Weg.

Im Goldgräbernest Llipi ist die Strasse besser, doch schon bald kommt der nächste Seitenfluss. Dieser führt so viel Wasser, dass eine Durchquerung unmöglich ist. Aber es gibt noch eine Hängebrücke, doch ob diese für ein solch schweres Fahrzeuge gebaut ist, ist mehr als fraglich, denn sie besteht nur aus zwei dünnen Drahtseilen sowie einigen wenigen halbverfaulten querliegenden dünnen Brettern. Auf diesen liegen noch zwei Reihen Bretter, in Fahrtrichtung verlegt, gerade mal so breit, dass die Reifen Platz haben. Natürlich bin ich ausgestiegen und zu Fuss über die Brücke gelaufen, um diese nervenkitzelnde Aktion zu beobachten. Als der Toyota auf der Brücke steht und nur ein klein wenig Gas gibt, fängt die Brücke an zu schaukeln, und der Fahrer muss immer wieder warten, bis sich diese beruhigt. Wie durch ein Wunder hat die Brücke gehalten, doch wie lange noch?

Hängebrücke bei Llipi

Wir erreichen Unutuiuni, einen grösseren Ort, wo das begehrte Gold mit grossen Maschinen abgebaut wird. Mit einem anderen Toyota Land Cruiser geht die Fahrt auf der etwas besseren Strasse weiter nach Guanay. Einem Mann, der neben mir sass, erzähle ich von der Horrorfahrt von Chusi nach Llipi. Dieser sagte, dass es schon etwas Glück brauche, denn vor zwei Wochen sei ein Fahrzeug auf dieser Strecke abgestürzt, und dabei seien alle 10 Insassen ums Leben gekommen. Dann endlich um 21.00 Uhr erreichen ich Guanay und finde nach langer Suche mit leerem Magen eine Bleibe für die Nacht im Hotel Panamericana.

Die Ortschaft Llipi und Guanay




Diese Etappe durch verschiedene Klimazonen vom Hochland ins Tiefland hat einmal mehr gezeigt, dass Bolivien eine unglaubliche Vielfalt an Pflanzen und Landschaften beheimatet. Dieses wunderschöne Land ist wie eine Wundertüte, jeden Tag Überraschungen mit eindrücklichen Erlebnissen und viel Abenteuer. Von Guanay reise ich mit Bus zurück nach La Paz, von wo aus ich in den Süden nach Tarija fliege, um dort weitere unbekannte Kakteengebiete zu erforschen.




Siehe Fortsetzung: (folgt demnächst)
Camargo - Culpina - Tarija
November 2001