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Etappe 13
Azurduy - Camargo
November, Dezember 1994
Alle Bilder in dieser Etappe wurden ausser den Kulturfotos ab Dias digitalisiert.
Teufen - Donnerstag, 24. November ![]() Wegstrecke von Azurduy nach Camargo Im Jahr 1993 wanderte ich von Zudañez entlang der Cordillera Mandinga nach Azurduy (siehe Etappe 9),
mit dem Ziel, meine Reise von dort bis nach Camargo fortzusetzen. Doch die zahlreichen schwer zugänglichen
Seitentäler erschwerten das Vorankommen, sodass ich es nur bis nach Azurduy schaffte. Mein damaliges Ziel war
es, herauszufinden, ob es eine durchgehende Verbindung von den nördlichen zu den südlichen Sulcorebutien gibt.
Diese Frage konnte bis zu diesem Zeitpunkt nicht geklärt werden. Diese Ungewissheit liess mir keine Ruhe, und
so beschloss ich 1994, meine Reise fortzusetzen und wanderte von Azurduy weiter nach Süden bis nach Camargo. Es ist früh am Morgen und der Flughafen scheint noch zu schlafen, als ich vor dem Check-in-Schalter stand
und meinen Rucksack auf die Waage legte. Erschrocken stellte ich fest, dass die Gewichtsanzeige nicht wie
erwartet 30 kg, sondern 33,8 kg anzeigte. Doch die freundliche junge Dame am Schalter hatte offenbar einen
guten Tag und sagte, das sei in Ordnung, da ich nur wenig Handgepäck dabeihabe. Dora begleitet mich noch bis
zur Zollabfertigung. Der Zöllner wollte bereits die breite Schwenktüre für Dora im Rollstuhl öffnen, da er
dachte, sie käme mit auf die Reise. Das wäre noch so schön gewesen. Stattdessen gab es einen schmerzlichen
Abschied für einen ganzen Monat. Wir starten bei dichtem Nebel, doch darüber erleuchten die Alpen im zarten Morgenrot. Als die Flugbegleiterin
mir Kaffee bringen wollte, verschüttete sie ihn auf die Hose meines Nachbarn. Der Geschäftsmann, der in Frankfurt
an einer Sitzung teilnehmen sollte, war darüber nicht glücklich. Nach einem kurzen Flug und dichtem Nebel landet
die Boeing 737 sicher in Frankfurt. Um die Mittagszeit sitze ich bereits in einem Lufthansa-Jumbo am Fenster und geniesse das Mittagessen über den
Wolken, während wir in Richtung Caracas unterwegs sind. Nach über neun Stunden Flug und einem kurzen Aufenthalt
am Flughafen von La Guaira geht es weiter mit Lloyd Aéreo Boliviano nach Bogotá und von dort weiter nach Lima
und La Paz, meiner Endstation nach bald 20 Stunden Reisen. Danach bringt mich ein Taxi nach Mallasa ins Hotel Oberland wo mich der Nachtportier bereits erwartet. Mallasa - Freitag, 25. November Es ist noch sehr früh am Morgen, als ich mit Ernesto frühstücke. Er ist der Inhaber des Hotels und ein langjähriger Freund.
Viel Zeit, um über Gott und die Welt zu plaudern, habe ich nicht, denn um 9:30 Uhr fliege ich bereits weiter nach Sucre. Wie
schon bei meiner letzten Bolivienreise kann ich mein Handgepäck mit den Sachen für die Rückreise bei Ernesto deponieren.
Sicher in Sucre angekommen, bekomme ich ein schönes Zimmer im Hotel Santa Cruz. Im Zentrum, wo sich das Instituto Geográfico
Militar befindet, frage ich nach Landkarten im Massstab 1:50.000, die ich für meine Wanderung von Azurduy nach Camargo brauche.
Ich war erstaunt, dass alle Karten verfügbar waren. Ausserdem konnte ich erfahren, wo und wann der Lastwagen morgen nach Azurduy
fährt. Seit meiner Rückreise mit dem Lastwagen von Azurduy nach Sucre im Jahr 1993 wusste ich, dass diese Strecke nur von
einem Lastwagen und nur an den Wochenenden befahren wird. Mehr Infos über Sucre siehe Etappe 7 Sucre - Samstag, 26. November Es ist 5:00 Uhr morgens, als der Nachtwächter an meine Tür klopft. Bestimmt hätte ich sonst verschlafen, denn die
Anreise und die Zeitverschiebung haben mich ziemlich strapaziert. Noch ist es zu früh um zu Frühstücken, also packe
ich meine Sachen zusammen und fahre mit dem Taxi zu dem Ort, an dem der Lastwagen nach Azurduy abfährt. Dort wird
bereits Gepäck auf die Ladefläche des Volvo-Lastwagens verladen, und es sieht aus, als ob jemand umziehen würde.
So befinden sich auch Möbelstücke darunter, wie Stühle und ein Bett, sowie viele Dinge, die bei uns wohl auf der
Müllabfuhr landen würden. Aber auch Baumaterialien wie Zement- und Gipssäcke und sogar ein Sarg für eine Bestattung
irgendwo. Danach suchen sich die Passagiere irgendwo auf diesem Gerümpel eine Sitzgelegenheit, auch ich, doch die
besten Plätze sind schnell besetzt. Es ist immer noch früh am Morgen, als wir Tarabuco erreichen und dort bei der
Plaza in einem Restaurant frühstücken. Weiter geht die Fahrt auf holpriger Schotterpiste hinunter ins Tal von Icla. ![]() Lastwagenfahrt nach Azurduy, Region von Icla Von dort führt die Strasse nach Osten in steilen Serpentinen hinauf auf die Cordillera Mandinga. Erinnerungen werden
wach, denn auf diesem Teilstück hatte ich 1993 auf meiner Wanderung nach Azurduy unter Wassermangel gelitten. Für
lange Zeit verlief die Fahrt ohne Probleme. Lediglich das windige und kalte Klima auf 4000 Metern machte uns,
insbesondere den Frauen und Kindern, zu schaffen. Doch weiter südlich hatten heftige Gewitter die Strasse teilweise
in kleine schlammige Seen verwandelt, und wir blieben des Öfteren darin stecken. Mit Hilfe von grossen Steinen
schafften es die Männer an Bord immer wieder, den Lastwagen aus den misslichen Lagen zu befreien. ![]() ![]() ![]() Schwierige Strassenverhältnisse auf der Cordillera Mandinga Aufgrund der prekären Strassenverhältnisse erreichen wir Tarvita erst kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Viel
Gepäck wurde abgeladen, darunter auch Gipssäcke, die sich ganz hinten auf der Ladefläche befanden und auf denen
ich die ganze Reise gesessen habe. Gezwungenermassen wurde ich zum Schwerstarbeiter und half, die Säcke ins nächste
Gebäude zu schleppen. Es war bereits Nacht, als wir unsere Fahrt nach Süden fortsetzten. Kurz vor Mitternacht stoppte der Lastwagen
plötzlich neben der Strasse, und der Motor und das Licht gingen aus. Ich dachte, es gäbe ein mechanisches Problem.
Doch der Fahrer sagte, es sei jetzt Nachtruhe und die Fahrt würde am nächsten Morgen weitergehen. Die Indios hatten
sich schon seit längerem hinter der Kabine in ihre Ponchos und Decken verkrochen. Ich hingegen sass etwas hilflos auf
diesem Berg von Gerümpel auf der Ladefläche und wusste nicht, wo und wie ich etwas Schlaf finden könnte. Neben dem
Lastwagen wollte ich nicht schlafen, da dieser am Morgen möglicherweise ohne mich losfahren würde. Nach längerem
Sitzen in der Kälte kam mir eine etwas makabre Idee: Vielleicht könnte ich in dem Sarg neben mir schlafen, wenn er
nicht besetzt ist. Ich drehte also vorsichtig die Handschrauben vom Deckel und beim Öffnen sah ich, dass das Innere
leer und schön gepolstert war. Leider passte die Grösse nicht ganz, sodass meine Füsse aus der Kiste ragten, aber
ansonsten war es recht bequem und mit dem Schlafsack oben drauf kuschelig warm. Auf dem Lastwagen zwischen Tarvita und Azurduy - Sonntag, 27. November, Camp 1 Tag Es war in der Dämmerung, als der Fahrer unerwartet früh morgens den Motor startete. Er liess den Diesel-Motor nicht
warmlaufen, wie es sonst üblich ist, sondern fuhr sofort los. Alles ging sehr schnell, und mir fehlte die Zeit,
aus dem Sarg zu steigen. Als ich es fast geschafft hatte, verlor ich das Gleichgewicht und stürzte mit dem Sarg
kopfüber auf die leergeräumte hintere Ladefläche. Beim Abladen der Gipssäcke in Tarvita war der Boden wegen einiger
aufgeplatzter Säcke mit einer dicken Gips-Schicht bedeckt. So war ich von oben bis unten weiss pulverisiert, blieb
jedoch zum Glück unverletzt. Als ich wieder hochstieg und die Indios hinter der Fahrerkabine meine weisse Gestalt
erblickten, schrien einige panisch, und ein Mann wollte sogar über Bord springen. Die Leute dachten vermutlich, ich
sei ein Geist oder von den Toten auferstanden. Die meisten Menschen vom Land gehören nicht nur dem christlichen
Glauben an, sondern sind auch Schamanen und haben ihre eigene Geisterwelt. Seit diesem Ereignis war die Stimmung an Bord etwas getrübt, und der Gringo schien nicht mehr willkommen zu sein.
Ich war froh, als wir nach kurzer Fahrt Azurduy meine Endstation erreichten. Um nicht weiter aufzufallen, laufe ich
in Eile durch die leeren Gassen und verlasse den Ort in Richtung Süden. ![]() ![]() Azurduy ![]() Wegstrecke von Azurduy nach Camargo Völlig übermüdet und mit einem Rucksack, der sich anfühlt, als sei er mit Blei gefüllt, schleppe ich mich auf der
Landstrasse durch das grüne und fruchtbare Tal von Rinconada. Später, als das Tal enger wird, entdecke ich seitlich
an den Berghängen zwischen Felsen, Gras und niedrigen Büschen die ersten Aylosteras, die spec. HJ 435a. Es sind mir
unbekannte Pflanzen, von denen ich auf späteren Reisen in derselben Region noch weitere Standorte lokalisieren konnte. ![]() ![]() ![]() HJ 435a Aylostera spec. Synonym: Aylostera HJ 1127, HJ 1128 und HJ 1134 Rinconada, 2´500 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien ![]() ![]() ![]() HJ 435a Aylostera spec. Kulturpflanzen: Klon 3, 4 und 7 Am selbe Ort aber in Felsritzen, oder im Moos unter Büschen wachsen auch noch Aylostera fiebrigii Formen, die HJ 436a ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 436a Aylostera fiebrigii fa. Estancia Rinconada, 2´500 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien ![]() HJ 436a Aylostera fiebrigii fa. Kulturpflanze: Klon 1 Kurz nach der Estancia Rinconada gelange ich auf den Fussweg, der nach Süden zum Cerro Alto de los Minas führt. In einem
dicht bewaldeten Gebiet, ganz in der Nähe des Río Rinconada, finde ich einen idealen Ort zum Campen. ![]() Am Rio Rinconada, Camp 2 Tag Rio Rinconada, Montag, 28. November, Camp 2 Tag Als hätte man mich gestern Abend in Narkose versetzt, so tief habe ich die erste Nacht im Zelt geschlafen. Doch
meine Muskeln und Gelenke schmerzen vom gestrigen Tag, und es braucht Zeit, sie wieder einigermassen in Gang zu
bringen. Es war eine Sternenklare Nacht und das Geäst ist bedeckt mit Tautropfen. Vogelgezwitscher in allen Tonlagen
ist zu hören, als ich gemütlich Frühstücke und Kaffee trinke. Ich bin also wieder da wovon ich lange geträumt habe,
draussen in unberührter Natur und süchtig nach weiteren neuen Abenteuern. Im lichten Wald wandere ich weiter entlang des Río Rinconada. Nebelschwaden schleichen durch das Geäst, und von
den Bäumen hängen Tillandsia usneoides, während an den Stämmen verschiedene Flechtenarten haften. Auf
offenem Gelände, zwischen grossen Felsen, zwängen sich Trichocereen ans Licht. ![]() Tillandsia usneoides Rio Rinconada, 2´550 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien ![]() ![]() ![]() Verschiedene Flechten Rio Rinconada, 2´550 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien Auf steinigen Grasflächen entdecke ich blühende Austrocylindropuntia sahferi und ein Amaryllisgewächs (Hieronymiella argentina).
Zudem bedecken kleine Nesselpflanzen den Boden, an deren feinen Haaren an den Blättern Tautropfen wie kleine Perlen hängen. ![]() ![]() Austrocylindropuntia sahferi Rio Rinconada, 2´550 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien ![]() ![]() ![]() Amaryllisgewächs (Hieronymiella argentina) Rio Rinconada, 2´550 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien ![]() ![]() Nessel-Pflanze Rio Rinconada, 2´550 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien Schon bald führt der gut ausgebaute Weg aus dem Tal steil hinauf in die Berge. Ich nehme nur wenig Wasser vom Fluss mit,
da mein Rucksack bereits das erträgliche Gewicht von 36 kg überschritten hat. Doch es ist nicht nur der Rucksack, der
mir früh morgens zu schaffen macht, sondern auch die bereits stechende Äquatorsonne. Obwohl ich gut vor der Sonne
geschützt bin, spüre ich bald einen leichten Sonnenbrand an Kopf und Armen. Die Bergflanken und Kuppen wechseln sich
ab mit lockeren Gras- und Gesteinsschichten, und es dauert nicht lange, bis ich die ersten Sulcorebutien azurduyensis
entdecke, die HJ 437. Es sind ähnliche Formen wie jene aus der Region von Azurduy, die ich 1993 gefunden habe. ![]() ![]() ![]() HJ 437 Sulcorebutia azurduyensis 4 km südlich Rinconada, 2´700m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien ![]() ![]() HJ 437 Sulcorebutia azurduyensis Kulturpflanzen: Klon 1 und 5 Ich spüre deutlich, dass mein Lauftraining zu Hause in steilem Gelände seine Wirkung zeigt, denn ich komme
erstaunlich flott voran und erreiche um die Mittagszeit bereits die Passhöhe. Von hier hat man einen weiten Blick
nach Norden ins Tal von Rinconada. Auch hier sind die Sulcorebutia azurduyensis im lockeren Grasbewuchs zu finden. ![]() ![]() ![]() HJ 437a Sulcorebutia azurduyensis 5 km südlich Rinconada, 3´000m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien Der Weg verläuft nun auf gleicher Höhe nach Süden, entlang der Ostseite des Cerro Alto de las Minas, dem höchsten
Berg der Region. Zum Glück sprudeln immer wieder kleine Bäche in die Täler, sodass ich genügend Wasser für die
Nacht tanken kann. Am Wegrand leuchten vereinzelt rote und gelbrote Blüten zwischen den Grasbüscheln hervor. Es
sind weitere Vorkommen von Sulcorebutia azurduyensis. ![]() ![]() ![]() HJ 437b Sulcorebutia azurduyensis Ostseite des Cerro Alto de las Minas, 6 km südlich Rinconada, 3´100m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien Ich war erleichtert, als ich am späten Nachmittag am Südostende des Cerro Alto de las Minas endlich einen flachen Ort
für das Nachtlager fand. Kaum hatte ich eine grosse Portion Tortelloni alla Carbonara und einen feinen Pouletsalat
verspeist, zogen heftige Gewitter auf. Ich hatte Mühe, das Wasser vom Zelt fernzuhalten, doch ich blieb trocken. Cerro Alto de las Minas, Dienstag, 29. November, Camp 3 Tag Wegen der heftigen Niederschläge der letzten Nacht schleichen am Morgen noch Restwolken durch die Landschaft. Ich will den
Benzinkocher in Betrieb setzen, um Kaffee zu kochen, doch er will nicht starten. Ich reinige die Düse, und sogleich klappt es.
Das Problem ist das verschmutzte Benzin in Bolivien. Ich nehme es gelassen, schliesslich bin ich in den Ferien, und so
frühstücke ich erst einmal gemütlich und schreibe nebenbei noch Tagebuch. In der Zwischenzeit haben die ersten Sonnenstrahlen
das Zelt getrocknet. Bei klarer Sicht und schönstem Wetter wandere ich weiter entlang der steilen Berghänge des Cerro Alto de las Minas,
die immer wieder durch kleine enge Täler unterbrochen sind. An der Südspitze gibt es eine schöne Überraschung: Ich entdecke
weitere Vorkommen von Sulcorebutia azurduyensis, die HJ 437c. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 437c Sulcorebutia azurduyensis Cerro Moro, 2´700m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien Nach längerem Aufenthalt an diesem interessanten und schönen Ort mit weitem Blick in die Täler führt der Weg vom
Cerro Moro langsam hinunter in Richtung Río Huancarani. Kaum wieder unterwegs, entdecke ich zwischen Felsen eine
weisse und dicht bedornte Aylostera, die HJ 438. Mein erster Gedanke war, es könnte sich möglicherweise um
eine Form von Aylostera minuscula handeln. Untersuchungen aus Samen herangezogener Pflanzen haben jedoch
gezeigt, dass es sich um eine neue Art handelt. Um das gesamte Verbreitungsgebiet dieser Aylostera zu lokalisieren,
bin ich 2005 noch einmal in diese Region gereist, habe weitere Standorte entdeckt und mit der Feldnummer HJ 1176 registriert.
Sie wurde 2017 von Prof. Diers in der Zeitschrift Succulenta erstbeschrieben und mit meinem Namen geehrt: Aylostera juckeri. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 438 Aylostera juckeri Cerro Moro, 2´700m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 438 Aylostera juckeri Kulturpflanzen: Klon 3, 4, 6, 7, 9 und 11 Ich habe heute viel Zeit verbracht mit den Kakteen und bin trotzdem gut vorangekommen. Da es ganz in der Nähe einen schönen,
flachen Ort zum Campen gibt, bin ich geblieben. Leider habe ich vergeblich nach Wasser gesucht und muss die Nacht und vielleicht
auch länger mit einem halben Liter auskommen. Cerro Moro, Mittwoch, 30. November, Camp 4 Tag Nach langem Abwärtswandern wird die Luft zunehmend würzig und feucht-warm. Bald stehe ich in einem frischgrünen,
alten Akazienwald. Die Äste sind geschmückt mit Tillandsia usneoides, und vereinzelt haben sich
Rhipsalis floccosa ssp. tucumanensis in den Astgabeln angesiedelt, deren verästelte, runde Triebe frei
in der Luft hängen. Als die Sonne am Horizont die ersten Strahlen in den Wald zauberte, verwandelte sie ihn in
ein spektakuläres Licht- und Schattenspiel. ![]() ![]() ![]() Akazienwald, Hülsenfrüchtler (Fabaceae) Abstieg vom Cerro Moro zum Rio Huancarani ![]() ![]() Rhipsalis floccosa ssp. tucumanensis Südlich Cerro Moro, 2´200 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien Da ich dringend Wasser brauche, nehme ich den etwas schlechteren Weg in die Quebrada Pinos, ein Seitental des
Río Huancarani. Dort gab es reichlich frisches Wasser, und vor Freude habe ich in einem kleinen, kühlen Pool
geplanscht wie ein Kind. Ein reichhaltiges Frühstück unter schattigen Akazien aktiviert meine Lebensgeister wieder,
und ich erfreue mich an der unberührten Natur. Ich entscheide mich, der Quebrada Pinos zu folgen, um zum Río Huancarani
zu gelangen. Das ist kein leichter Spaziergang, wie ich bald feststellen muss. Abgesehen von der heissen, stechenden
Sonne um die Mittagszeit, muss ich immer wieder das von grossen Felsbrocken belegte Bachbett durchqueren, was sehr
schwierig und manchmal auch gefährlich ist. ![]() Quebrada Pinos Sollte ich hier unverhofft stürzen und mich verletzen, würde mich hier vermutlich niemand suchen. Ich bin jetzt
bereits den dritten Tag unterwegs und bin noch keinem Menschen begegnet. Unerwartet wird die Quebrada so eng, dass
ich kaum noch gehen kann, und dann plötzlich stehe ich unerwartet völlig durchgeschwitzt und dreckig im Kiesbett
des Río Huancarani, der wenig Wasser führt. Was für eine Freude! Es scheint, als ob ich hier unten in diesem engen
Tal, eingemauert von Felswänden und üppiger Vegetation, in eine mir völlig unbekannte Welt eingetaucht bin. Und
jetzt kribbelt es mir im Bauch, all die Neuigkeiten hier zu erforschen. Als ich mich langsam auf ausgewaschenen Flusssteinen talwärts bewege, entdecke ich an den steilen Bergflanken unter
niedrigen Büschen und zwischen Felsen altbekannte Kakteen. Es sind Gymnocalycium pflanzii, die im südlichen
Bolivien weit verbreitet sind. ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 440 Gymnocalycium pflanzii Rio Huancarani, 1´200 m-1´600 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 440 Gymnocalycium pflanzii Kulturpflanzen: Klon 3 x 1 und 2 An den steilen Felswänden, vor allem auf der Westseite des Tales, wo es nur wenige Stunden Morgensonne gibt, entdecke
ich zu meiner Freude grosse Gruppen von Kakteen. Die Pflanzen erinnern mich ein wenig an das soeben entdeckte
Gymnocalycium pflanzii. Doch diese Pflanzen sprossen stark und die Früchte im Scheitelbereich sind kleiner.
Als ich später einige blühende Jungpflanzen entdecke, wird klar, dass es sich um eine mir unbekannte Weingartia
handelt, die HJ 441. Langjährige Untersuchungen aus Samen herangezogener Pflanzen haben gezeigt, dass es sich um eine
neue Art handelt. Um das gesamte Verbreitungsgebiet dieser Weingartia zu lokalisieren, bin ich 2005 noch einmal in
dieses Tal gewandert. Dabei habe ich festgestellt, dass die Pflanzen nur im Tal des Río Huancarani, auf 1100 m bis auf 1600 m
flussaufwärts beheimatet sind. Die Pflanze wurde 2007 im Gymnocalycium, erstbeschrieben als Weingartia frey-juckeri.
Siehe auch unter Jucker Literatur. Es gibt noch eine weitere Überraschung in dieser feucht-heissen Quebrada: An den Steilhängen, meist etwas schattiert
unter Büschen, wachsen überwiegend sehr grosse, mehrköpfige Polster von Parodien, die HJ 442. Parodien zu bestimmen ist
für mich schwierig, da ich mich zu wenig mit diesen Pflanzen beschäftigt habe. Die aus Samen herangezogenen Pflanzen
wurden über Jahre hinweg von mir und Prof. Dr. Diers, beobachtet und untersucht. Es hat sich gezeigt, dass es sich
um eine neue Art handelt. Sie wurde 2014 von Prof. Dr. Diers in der Zeitschrift Succulenta erstbeschrieben und mit
meinem Namen geehrt: Parodia juckeri. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 441 Weingartia frey-juckeri Im Tal des Rio Huancarani, 1´200 m-1600 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 441 Weingartia frey-juckeri Kulturpflanzen: Klon 1, 2, 3, 4, 9 und 34 Am späten Nachmittag torkle ich ziemlich erschöpft an einem kompakten Felsband vorbei in Richtung Mündungsgebiet des
Río Pilcomayo. Meine Erwartungen bezüglich Kakteen sind längst übertroffen worden, als ich dort in Felsritzen, wie angeklebt,
grosse Polster von vielstämmigen, kleinköpfigen Blossfeldia entdeckte, die teilweise lange Sprossketten bilden, die HJ 443.
Eine solch extreme Wuchsform von Blossfeldias habe ich auf meinen vielen Reisen in Bolivien noch nie gesehen. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 442 Parodia juckeri Im Tal des Rio Huancarani, 1´200 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien ![]() ![]() HJ 442 Parodia juckeri Kulturpflanzen: Klon 1 und 2 Am späten Nachmittag torkle ich ziemlich erschöpft an einem kompakten Felsband vorbei in Richtung Mündungsgebiet
des Río Pilcomayo. Meine Erwartungen bezüglich Kakteen sind längst übertroffen worden, als ich dort in Felsritzen,
wie angeklebt, grosse Polster von vielstämmigen, kleinköpfigen Blossfeldia entdeckte, die teilweise lange Sprossketten
bilden, die HJ 443. Eine solch extreme Wuchsform von Blossfeldias habe ich auf meinen vielen Reisen in Bolivien noch nie gesehen. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 443 Blossfeldia minima Im Tal des Rio Huancarani, 1´150 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien ![]() ![]() ![]() Kulturpflanzen: HJ 443 Blossfeldia minima Ich bin erleichtert, als ich kurz vor der Mündung in den Río Pilcomayo in einem stacheligen Wäldchen einen schönen
Ort für die Nacht finde. Obwohl ich bei schwülen 38° zum Umfallen müde bin, mache ich noch einen Rundgang. Im Geäst
klammert sich eine Tillandsia xiphioides mit duftend weisser Blüte fest, und daneben rankt ein Cereus comerapanus
nach Licht. Beim genaueren Hinschauen in ein stacheliges Gestrüpp entdecke ich eine kleine magentafarbene Blüte. Sie
gehört zu einer wildverzweigten Pereskia diaz-romeroana. ![]() ![]() ![]() Tillandsia xiphioides Im Tal des Rio Huancarani, 1´150 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien ![]() Pereskia diaz-romeroana Im Tal des Rio Huancarani, 1´150 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien Am Rio Huancarani, Donnerstag, 01. Dezember, Camp 5 Tag Die Nacht im Zelt war etwa so, als hätte ich versucht, in einer von stechwütigen Mücken gefüllten Sauna zu schlafen,
bei fast 30° innen wie auch draussen. So habe ich mich schweissgebadet, ohne den ersehnten Schlaf, die ganze Nacht mit diesen
stechenden Biestern herumgequält. Etwas Abkühlung brachte lediglich das badewannenwarme Wasser im nahegelegenen Río Huancarani. Die Sterne leuchten noch hell, als ich meine bescheidenen Habseligkeiten zusammenpacke und weiter talwärts wandere. Als
ich frühmorgens die Mündung erreiche und am schlammigen Ufer des Río Pilcomayo stehe, wirkt die Sonne bereits wie ein
Brennglas. Was mir allerdings mehr Sorgen bereitet, ist die starke Strömung des etwa 50 Meter breiten Flusses, der hier
die Grenze zwischen den beiden Provinzen Azurduy und Nor Cinti im Departamento Chuquisaca bildet. ![]() Am Rio Pilcomayo Nachdem ich sehen konnte, wo mein Weg auf der anderen Flussseite vermutlich weitergehen könnte, flüchte ich zurück
ans bewaldete Ufer in den Schatten, studiere die Landkarte und Frühstücke erst einmal gemütlich. Sollte es mir gelingen
den Fluss zu durchqueren, muss ich gemäss Karte etwa 5 km flussaufwärts, bevor der Weg wieder in ein enges Tal in
Richtung Süden in die Berge führt. Um herauszufinden, ob es überhaupt möglich ist, den Fluss zu durchqueren, versuche
ich es ohne Gepäck. Dabei suche ich mir am Ufer eine Stelle aus, wo die Strömung nicht so stark ist. Kaum war ich im
trüb-warmen Wasser, verlor ich den Boden unter den Füssen und wurde von der Strömung erfasst und flussabwärts getrieben.
Es ist nicht so, dass mir das viel Angst gemacht hätte, denn ich gehe zu Hause oft im Rhein in der Strömung schwimmen.
Deshalb schaffte ich es auch problemlos wieder ans Ufer. Doch ich habe einen gut 32 kg schweren Rucksack, den ich über
den Fluss bringen muss, und das macht mir schon ein wenig Kopfschmerzen. Ich versuche es erneut an einer breiteren Stelle flussaufwärts. Dabei reicht mir das Wasser auf halber Strecke bis zum
Bauchnabel, aber ich kann die Balance in der Strömung einigermassen halten. Doch das Risiko, von der Strömung weggetrieben
zu werden, ist gross, und deshalb muss das Gepäck vor Nässe geschützt und in grossen Plastiksäcken transportiert werden,
die ich mitgenommen habe. Am Ufer an der prallen Mittagssonne, beim Einpacken meiner Utensilien auf glühend heissem Sand,
muss ich die Füsse wegen Verbrennungsgefahr immer wieder im Wasser kühlen. Wegen der Strömung kollern mir beim Überqueren
dauernd grössere Steine auf die Füsse, und ich schreie vor Schmerz in die stille Landschaft. Dazu ist es schwierig, die
nicht sichtbaren grossen Steine im trüben Wasser zu umgehen. Nach dreimaligem Überqueren gibt es ein Jauchzer: Ich habe es geschafft und mache unter einer grossen Akazie eine
längere Mittagspause mit Siesta-Schläfchen bei 38°. ![]() ![]() Ort der Durquerung des Rio Pilcomayo und Mittagspause unter Akazie Der Fluss fliesst hier für längere Zeit an einem vorgelagerten Hügel mit steilen Felsklippen entlang, sodass mein Weg
200 Höhenmeter aufsteigt und später wieder zurück ins Flussbett führt. Ich brauche jetzt den inneren Schweinehund, um in
der prallen Sonne auf diesen Sattel hochzusteigen, wo es kaum Schatten gibt. Dennoch nehme ich mir die Zeit, um eine
Gruppe von Echinopseen genauer zu betrachten, die HJ 445. Der Blütenrest auf der Frucht deutet auf eine langröhrige Blüte
hin, und das Aussehen des Habitus erinnert mich ein wenig an eine Lobivia aurea aus Argentinien. Ich kann die Pflanzen
jedoch bei keinen mir bekannten Echinopseen einordnen. Leider waren die Samen in der gesammelten Frucht nicht ausgereift,
sodass die Aussaat nicht erfolgreich war. Eine andere mir bekannte Pflanze, die hier zu finden ist und das heisse Klima mag,
ist die Harrisia tetracantha. ![]() ![]() ![]() HJ 445 Echinopsis spec. Rio Pilcomayo, 1´250 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien ![]() Harrisia tetracantha mit halboffener Blüte, Rio Pilcomayo, 1´250 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Wie schön wäre es gewesen, wenn ich von hier weiter in die Berge hätte wandern können, doch stattdessen geht es wieder
hinunter in die noch heissere Steinwüste am Río Pilcomayo. Beim Abstieg durch den stacheligen, lockeren Wald wachsen vereinzelt
beeindruckende und mächtige Gruppen von Neoraimondia herzogiana, die bis zu 10 Meter hoch in den tiefblauen Himmel ragen. ![]() ![]() Neoraimondia herzogiana Rio Pilcomayo, 1´250 m-1´400 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Am selben Ort wächst auch die strauchartige Quiabentia verticillata mit seinen spatelförmigen Blättern und zahlreichen langen Dornen.
Diese Pflanze ist vor allem im Gran-Chaco von Bolivien und Argentinien beheimatet. ![]() ![]() Quiabentia verticillata Rio Pilcomayo, 1´250 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Unten im Flussbett angekommen, flimmert die heisse Luft über den Steinen, und kleine Windrosen saugen trockenen Sand in
die Höhe und verteilen ihn im Tal. Die Sicht ist stark eingeschränkt, und von den starken thermischen Winden werde ich
regelrecht sandgestrahlt. Ich schütze mich vor dieser Naturgewalt so gut es geht und knöpfe mir den Schweisslappen vors
Gesicht. Ich mag es abenteuerlich, doch hier hört der Spass auf, und ich mache mich auf die Suche nach einem geeigneten
Nachtlager. Etwas erhöht und geschützt in Ufernähe werde ich fündig, muss aber wohl oder übel das schlammige und trübe
Wasser aus dem Fluss nehmen, um Tee und Abendessen zu kochen. Bis tief in die Nacht sitze ich draussen in diesem Glutofen
und hoffe, es würde ein wenig abkühlen, doch das Thermometer bleibt bei 33°C stehen. ![]() Am Rio Pilcomayo, Camp 6 Tag Am Rio Pilcomayo, Freitag, 02. Dezember, Camp 6 Tag Die Strapazen vom gestrigen Tag waren wie ein K.O.-Schlag. Doch dank dieser Erschöpfung konnte ich für ein paar Stunden
schlafen, obwohl ich im Schweisse gebadet war. Trotzdem glaube ich, dass es vorerst kein guter Tag wird, denn bereits am
Ende dieser langen, flachen und steinigen Ebene stösst der Fluss wieder an steile Felsen, und ich muss erneut über den
Fluss - und wegen des schweren Gepäcks gleich dreimal. Doch wie ich sehen kann, ist der Wasserstand etwas zurückgegangen.
An den Schlammspuren erkenne ich, dass der Wasserstand vor wenigen Tagen noch etwa einen Meter höher war als jetzt. Deshalb
muss ich das Ganze auch positiv sehen, denn würde der Fluss jetzt wieder ansteigen, was schnell passieren kann, wäre ich
möglicherweise für Tage in dieser Hölle gefangen und blockiert. ![]() Zweite Überquerung des Rio Pilcomayo Als ob ich es geahnt hätte. Schon bald wiederholt sich das gehasste Prozedere, und ich bin gar nicht stolz darauf - oder
vielleicht doch -, es geschafft zu haben, den Fluss unfreiwillig insgesamt 23-mal durchquert zu haben. Obwohl ich beim
Durchqueren immer Socken getragen habe, sind die meisten Zehen blau und aufgeschürft von den Steinen, die über sie
hinweggerollt sind, und der Schmerz beim Laufen ist deutlich spürbar. Ich bin nun gespannt darauf, ob ich bei der
nächsten Flussschleife den langersehnten Weg finde, der laut Landkarte irgendwo in einem ausgetrockneten Bachbett
wieder hoch in die Berge führt. Dann plötzlich, irgendwann am Morgen ein deutlich hörbarer Jauchzer: Ich habe den Weg gefunden, der beim Eingang
ins Bachbett von Sträuchern zugewachsen ist. Ich bin sehr glücklich, meine Reise wieder in gewohnten Bahnen
fortzusetzen. Doch für den Aufstieg brauche ich genügend frisches Trinkwasser, und weil etwas weiter flussaufwärts
der Río Huajlaya in den Río Pilcomayo mündet, versuche ich dort mein Glück. Und tatsächlich führt dieser genügend
frisches und klares Wasser, so viel, dass ich in einem kleinen Pool herumplanschen kann und endlich meine braune
Schlammschicht am Körper loswerde - bei Badewannentemperatur, versteht sich. ![]() Ein letzter Blick ins Tal des Rio Pilcomayo, bevor es wieder in die Berge geht Erfrischt und voller Tatendrang nehme ich den Aufstieg am frühen Nachmittag in Angriff, in der Hoffnung,
die Nacht in einem angenehmeren Klima verbringen zu können. Doch bereits zu Beginn stelle ich fest, dass das
kein Zuckerschlecken ist bei diesem unmenschlichen Klima. Zudem blockieren viel totes Holz, grosse Baumstrünke
und umgefallene Bäume den Weg im Bachbett, ein Hinweis darauf, dass hier nur wenige Menschen unterwegs sind. ![]() Aufstieg vom Rio Pilcomayo zum Cerro Lajas Später gelange ich auf einen Gebirgskamm, wo der Weg besser wird, und ich komme gut voran. In diesem bewaldeten Gebiet
wachsen verschiedene Cereus-Arten, und auch das Gymnocalycium pflanzii ist immer wieder zu sehen. Aber auch
Singvögel sind zu hören, vor allem das laute Geschrei verschiedener Papageienarten. Einige sind so gross wie Aras.
Nach tausend Höhenmetern Aufstieg, wo der Weg ein Stück weit flacher und breiter wird, entscheide ich, das Camp für die
Nacht einzurichten. Von hier hat man einen weiten Blick nach Norden über das Tal des Río Pilcomayo bis hin zum Co. Alto
de las Minas, wo ich hergekommen bin. ![]() ![]() ![]() Blick nach Norden ins Tal des Rio Pilcomayo, mit Camp 7 Tag, nähe Cerro Lajas. Plötzlich höre ich jemanden "buenas tardes, amigo" rufen. Ich bin überrascht und fast etwas erschrocken, nach so vielen
Tagen wieder menschliche Stimmen zu hören. Es sind ein Junge und ein Mädchen, etwa neun oder zehn Jahre alt. Natürlich
waren die beiden auch überrascht, fernab der Zivilisation einen Fremden und dazu noch einen Gringo zu sehen. Unerwartet
reichen mir die beiden die Hand und sagen, sie seien am Ziegenhüten und ihr Zuhause sei ganz in der Nähe, etwas unterhalb
des Cerro Layas. Diese Offenheit hat mich verblüfft, denn normalerweise ist die Landbevölkerung, vor allem die Kinder,
eher scheu und zurückhaltend. Auch meine Behausung haben sich die beiden genauer angeschaut und Fragen gestellt. Da mein
vier Liter Wassersack fast leer ist, frage ich die Kinder, wo ich Wasser finden kann. Sie sagen, es sei ganz in der Nähe,
und erklären mir, wie ich dorthin komme. Nach den üblichen Fragen, woher ich komme und wohin ich gehe, sind die beiden
auch schon wieder verschwunden und schauen nach ihren Ziegen. Kaum habe ich das etwas wässrig gewordene, aber leckere
ungarische Gulasch hinuntergeschlürft, verschwindet die Sonne am Horizont und ich spüre eine frische Brise. Die Temperatur
ist angenehm und ich kann mich endlich wieder einmal frühzeitig in den Schlafsack verkriechen. Am Cerro Lajas, Samstag, 03. Dezember, Camp 7 Tag Wie ein Murmeltier im Winterschlaf habe ich geschlafen. Doch als ich noch vor Sonnenaufgang aus dem Zelt kroch,
fühlte ich mich, als käme ich aus einer Folterkammer. Es sind nicht nur die Füsse, die vom mehrmaligen Überqueren
des Río Pilcomayo immer noch schmerzen, sondern auch die Schultern vom schweren Rucksack, was sich auch in den
Hüft- und Kniegelenken bemerkbar macht. Doch als ich im kleinen Rinnsal am nahegelegenen Bach mit dem Kaffeebecher
im kühlen Nass eine Dusche nehme und meine Gelenke wieder aktiviere, erwachen auch meine Lebensgeister. Beim Einpacken meiner Habseligkeiten sehe ich, dass sich im Rucksack eine Kolonie von aggressiven Blattschneider-Ameisen
eingenistet hat und gierig meine Lebensmittel frisst. Obwohl gut verpackt, schneiden sie die Verpackung auf und gelangen
so ins Innere. Die Biester beissen mich ständig, und es dauert ewig, bis ich sie loswerde. Deswegen lasse ich mir diesen
schönen Tag nicht verderben und verlasse guten Mutes das bewaldete Gebiet, um bald das höhergelegene Grasland zu erreichen. Der nahegelegene Cerro Laja zeigt im Gipfelbereich eine felsige Region, die ich unbedingt nach Kakteen untersuchen
möchte. Was ich dort alles zu sehen bekomme, ist eine wahre Freude. Am auffälligsten sind die in den Felsen eingeklemmten
grossen Gruppen von Cleistocacteen mit ihren sich kaum öffnenden, leuchtend roten Blüten. Dazu ist fast jede Felsritze
oder jeder Ort, wo sich Schutt abgelagert hat, mit Parodien besetzt, es ist die HJ 447. Je länger ich mich mit diesen
Pflanzen beschäftige, desto klarer wird, dass eine gewisse Ähnlichkeit mit der vor drei Tagen am Río Huancarani entdeckten
Parodia juckeri HJ 442 besteht. Die beiden Standorte liegen jedoch 7 km auseinander, und es gibt keine Kontaktzone. Der Höhenunterschied von 1200 m
ist beträchtlich. Jahrelange Beobachtungen und Vergleiche in Kultur dieser beiden Populationen haben gezeigt, dass es
viele Gemeinsamkeiten gibt, aber auch Unterschiede, vor allem in der Länge und Form der Bedornung, Dichte der Dornen
im Scheitelbereich, Anzahl der Rippen und Grösse der Pflanzen. Das hat damit zu tun, dass sich die beiden Populationen
den jeweiligen klimatischen Bedingungen angepasst haben. So wächst die P. 442 am Río Huancarani wegen des heissen
Klimas mehrheitlich im sonnengeschützten Wald. Die Parodia juckeri var. australis (die Südliche) HJ 447 ist jedoch fast
den ganzen Tag der prallen Sonne ausgesetzt und unterscheidet sich in verschiedenen Merkmalen von der
Parodia juckeri HJ 442. Deshalb erschien es uns berechtigt, diese Pflanzen als Variation zu beschreiben.
Sie wurde 2017 in der Succulenta 69 (4): 157-170 erstbeschrieben. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 447 Parodia juckeri var. australis Cerro Lajas, 2´400 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien, Blick nach Norden ins Tal des Rio Pilcomayo. ![]() HJ 447 Parodia juckeri var. australis Kulturpflanze: Klon 3 ![]() ![]() ![]() Cleistocactus spec. Cerro Lajas, 2´400 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Am gleichen Ort wachsen im Moos und Flechten auch vereinzelte weiss dornige Polster von Aylostera, die HJ 446. ![]() ![]() HJ 446 Aylostera fiebrigii fa. Cerro Lajas, 2´400 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Oberhalb dieser schroffen Felsen, zwischen Steinen und lockerem Graswuchs, entdecke ich eine flachkugelige Lobivia
mit kurzröhrigen roten Blüten. Sie wachsen einzeln oder bilden kleinere Sprosshaufen, die HJ 448. Da sich der Standort auf
nur 2450 m befindet, was für Lobivia eher ungewöhnlich ist, war es schwierig, diese irgendwo einzuordnen. Auch konnte ich am
Standort nur wenige Samen sammeln, sodass nur wenige Pflanzen in Kultur herangewachsen sind. Über die Jahre hinweg ist nur
noch eine Kulturpflanze übriggeblieben, und so geriet die Pflanze etwas in Vergessenheit. Im Jahr 2007 bin ich von Camargo nach Kollpa und zurück nach Culpina gewandert. 7 km nordwestlich von hier und westlich des
Mündungsgebietes des Río Santa Elena in den Río Pilcomayo habe ich in gleicher Höhenlage dieselben Pflanzen gefunden,
die Lobivia tiegeliana var. borealis HJ 1243. Die aus Samen herangewachsenen Pflanzen haben nach intensiven
Beobachtungen gezeigt, dass es unbekannte Formen von Lobivia tiegeliana sind. Da sich das gesamte Verbreitungsgebiet der
Lobivia tiegeliana im Grossraum Tarija befindet, sind diese beiden Standorte, die sich ca. 100 km weiter nördlich befinden,
aussergewöhnlich. Vor allem, weil zwischen diesen beiden Verbreitungsgebieten bis heute keine weiteren Standorte von
Lobivia tiegeliana gefunden wurden. Leider wurde die HJ 448 Lobivia tiegeliana var. borealis vom Cerro Laja
bei der Erstbeschreibung der HJ 1243 unbeabsichtigt nicht miteinbezogen, da sie vergessen wurde. Ein Nachtrag über diesen Standort
ist in Bearbeitung. Die HJ 1243 wurde im Heft 2015b im Echinopseen 12 als Lobivia tiegeliana var. borealis (die Nördliche)
beschrieben. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 448 Lobivia tiegeliana var. borealis Cerro Lajas, 2´400 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien ![]() HJ 448 Lobivia tiegeliana var. borealis Kulturpflanze: Klon 1 Ich steige weiter hoch bis in den Gipfelbereich des Cerro Lajas und entdecke dort zwischen Steinen und lockerem Grasbewuchs
eine Aylostera, die HJ 449. Diese etwas flachkugeligen Pflanzen mit meist tiefroten Blüten und auffallend dunklen
Staubblättern haben im Höckerbereich eine auffallend dunkle Färbung. Insgesamt betrachtet zeigen diese Pflanzen Ähnlichkeiten
mit der Aylostera atrovirens. Allerdings wachsen diese in wesentlich höheren Lagen. 2013, auf einer weiteren Expedition,
habe ich weiter südlich auf demselben Gebirgszug die gleichen Pflanzen wiedergefunden. Im Moment bleibt unklar, wo diese
Aylostera einzuordnen ist. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 449 Aylostera spec. Cerro Lajas, 2´800 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien ![]() ![]() HJ 449 Aylostera spec. Kulturpflanzen: Klon 1 und 2 Hier oben auf 2800 m in lockerem Grasbewuchs gäbe es ideale Bedingungen für das Gedeihen von Sulcorebutien. Doch es scheint,
als ob es den Pflanzen nicht gelungen ist, sich vom Cerro Alto de las Minas, wo ich die letzten gefunden habe, über das breite
Tal des Río Pilcomayo nach Süden zu verbreiten. Doch möglicherweise finde ich ja noch welche auf meiner weiteren Reise nach
Camargo. Ich gehe zurück auf den Weg, der jetzt hinunter zur Estancia Lajas führt. Ich habe mich den ganzen Tag an der prallen
Sonne aufgehalten, der Wassersack ist längst leergetrunken und mein Durst ist unerträglich. Leider war bei der Estancia Lajas
niemand zu Hause, bei dem ich nach Wasser hätte fragen können. Das Gelände weiter südlich ist felsig und zerklüftet, und deshalb
führt der Weg hinunter ins Tal zum Río Huajlaya. Einerseits will ich mich beeilen, um möglichst schnell ans Wasser zu gelangen,
andererseits flimmern meine Augen vom Wassermangel, und ich muss aufpassen, dass ich nicht stolpere. Kurz vor Erreichen des
Talbodens passiere ich einen kleinen Bach ohne fliessendes Wasser, aber mit einigen gefüllten kleinen Wasserlöchern. Ich tauche
meinen Kopf in eines dieser Pfützen und trinke es gleich leer. Todmüde und ausgelaugt erreiche ich den Río Huajlaya und folge
diesem flussaufwärts, bis ich einen idealen Ort finde etwas oberhalb des Flussbetts zum Campen. Am Río Huajlaya, Sonntag, 04. Dezember, Camp 8 Tag Es war noch dunkel, als mich früh morgens Blitz und Donner aus meinem tiefen Schlaf rissen. Danach brach die Sintflut aus,
und es wollte nicht mehr aufhören zu regnen. Das Rauschen des Flusses wurde immer lauter, und mit der Stirnlampe konnte ich
sehen, dass das Wasser im Flussbett zu steigen begann. Ich war froh, dass ich gestern darauf geachtet hatte, mein Zelt
hoch genug über der Uferböschung aufzustellen. Dennoch hatte ich ein mulmiges Gefühl, als bei Tagesanbruch das Wasser
weiter stieg. Erst einmal gemütlich frühstücken, sagte ich mir, und dann weiterschauen. Der Regen liess später etwas nach,
und auch das Wasser schien weniger zu werden. Müsste ich jetzt den Río Pilcomayo durchqueren, wäre das vielleicht nicht
mehr möglich gewesen, also bin ich zufrieden, wie es ist. Ehrlich gesagt, ist mir diese kleine Erholung gerade recht, denn
die Strapazen der letzten Tage waren einfach zu krass, und in diesem Stil darf es nicht weitergehen. ![]() ![]() Am Río Huajlaya, Camp 8 Tag Es ist Nachmittag geworden, als sich die Sonne langsam durch die Wolken zwängt und das Zelt trocknet. Ohne Schuhe und voll
bepackt muss ich wohl oder übel wieder über den Fluss und versuchen, noch ein Stück weiter talaufwärts zu kommen. Ich hatte
gehofft, meine Füsse schonen zu können und nicht andauernd in der starken Strömung den Fluss überqueren zu müssen, doch das
war leider nicht der Fall. Glücklicherweise fand ich später auf sicherer Distanz vom Wasser unter Bäumen einen schönen Ort
für das Zeltlager. Ich habe noch viel Zeit, um Neues zu entdecken, und steige den bewaldeten, felsigen Steilhang hoch.
Schon bald werde ich überrascht, denn zwischen den Felsen wachsen zahlreiche Parodien. Obwohl bei den meisten Pflanzen
die Bedornung kürzer ist als bei der zuletzt gefundenen am Cerro Lajas, kann diese Population ebenfalls zu
Parodia juckeri var. australis gestellt werden, die HJ 450. Das haben Beobachtungen aus Samen kultivierter Pflanzen in
Kultur gezeigt. ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 450 Parodia juckeri var. australis Kulturpflanzen: Klon 2, 4, 5 und 6 1´800 m, Rio Huajlaya, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Am Río Huajlaya, Montag, 05. Dezember, Camp 9 Tag Das nächtliche Grillengezirpe im Wald ist immer noch laut zu hören, als ich über grosse Flusssteine weiter nordwärts
wandere. Der reissende Río Huajlaya von gestern ist zu einem kleinen Rinnsal geschrumpft. Das Wasser ist wieder klar
und sauber, sodass ich nicht unnötig Wasser schleppen muss. Einen Weg am Ufer entlang gibt es nicht, und so komme ich
nur schleppend voran und mache des Öfteren Pause. Dabei kann ich beobachten wie ein Königsfischer versucht Fische zu
fangen. ![]() Rastplatzt am Rio Huajlaya, auf dem Weg zur Hacienda Santiago Auf alten Akazienbäumen wachsen verschiedene epiphytische Kakteen. Auch Cleistocacteen haben auf den Ästen eine
Lebensgrundlage gefunden. ![]() Wegstrecke Azurduy nach Camargo Epiphytische Kakteen und Cleistocacteen auf altem Akazienbaum Plötzlich gibt es einen erkennbaren Weg. Er führt an einem Friedhof vorbei, und kurz danach stehe ich auf einem grossen Platz,
in dessen Mitte eine kleine Kirche steht. Rundherum reihen sich Lehmhäuser aneinander. Nur ein einziges Huhn spaziert an
mir vorbei, ansonsten wirkt die Hacienda Santiago wie ausgestorben. Ich rufe noch laut "Hallo, ist da jemand?", doch es
bleibt stumm. ![]() ![]() Hacienda Santiago So wandere ich weiter bis zu der Flussgabelung, wo der Weg nach Süden auf einen steilen Gebirgskamm führt. Einige Esel
und Maultiere, beladen mit Gütern, und zwei Männer kommen mir entgegen, grüssen freundlich und sind schon wieder verschwunden. ![]() ![]() Esel und Maultier-Transport Als ich Pause mache von meiner schweren Last und einen Abstecher ins Gelände unternehme, entdecke ich zwischen Grasbüscheln
und Steinen eine mir unbekannte Aylostera, die HJ 451. Sie ist etwa 5 cm dick und hat bis zu drei kräftige, abstehende
Mitteldornen. Jahrelange Beobachtungen aus Samen herangewachsener Pflanzen in Kultur haben ergeben, dass es sich um eine neue
Art handelt. Da wir in den letzten Jahren andere von mir entdeckte neue Arten bevorzugten und beschrieben haben, ist diese
HJ 451 etwas in Vergessenheit geraten und blieb bis heute namenlos. ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 451 Aylostera spec. Cerro Huajlaya, 2´800 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien, Blick nach Norden ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 451 Aylostera spec. Kulturpflanzen: Klon 7, 8, 12, 13, 17 und 25 Je höher ich den Gebirgskamm hinaufsteige, desto imposanter wird der Blick nach Norden über das Tal des Río Huajlaya bis
hin zum Cerro Alto de las Minas, wo ich vor neun Tagen die HJ 438 Aylostera juckeri entdeckt habe. ![]() Blick vom Cerro Huajlaya nach Norden zum Cerro Alto de las Minas mit Standort der HJ 438 Aylostera juckeri,
HJ 447, HJ 450 Parodia juckeri var. australis und HJ 451 Aylostera spec. Es ist spät geworden, und im steilen Gelände gibt es keine Campmöglichkeiten. Obwohl ich müde und erschöpft bin, versuche
ich mein gemächliches Tempo zu erhöhen, um noch vor Einbruch der Dunkelheit den Cerro Huajlaya zu erreichen. Eigentlich hätte ich
mich mit den mir unbekannten Aylosteras beschäftigen müssen, die ich immer wieder am Wegrand im Moos und zwischen Steinen sehe.
Als ich kurz vor Dunkelheit im Gipfelbereich im flachen Gras einen schönen Platz für die Nacht finde, muss ich aufpassen, dass
ich nicht auf die zahlreichen Aylosteras trete. Cerro Huajlaya, Dienstag, 06. Dezember, Camp 10 Tag Es war eine angenehm kühle Nacht, und als ich erstmals meinen Kopf in die würzige Luft strecke, leuchtet bereits das
Morgenrot am Horizont. Ich kann es kaum erwarten, draussen in unberührter Natur wieder Interessantes zu entdecken. Wenn
ich von hier nach Norden blicke, hebt sich der Gipfel des Cerro Alto de las Minas klar vom Horizont ab. Am Südrand dieses
markanten Bergmassivs habe ich die letzten Sulcorebutien, die HJ 437c, gefunden. Ich hatte gehofft, auf meiner weiteren
Expedition auf der Südseite des Río Pilcomayo weitere Standorte von Sulcorebutia zu finden. Hier auf dem Cerro Huajlaya
auf 3100 m herrschen ähnliche klimatische Bedingungen. Doch wie ich feststellen muss, wachsen hier und auch weiter westlich
keine Sulcorebutien. Ja, ich bin etwas enttäuscht, aber die Hoffnung, doch noch welche zu finden, habe ich nicht verloren. ![]() Cerro Huajlaya mit Blick nach Norden zum Cerro Alto de las Minas, mit Standort Sulcorebutia azurduyensis HJ 437c, Camp 10 Tag. Ich beschäftige mich jetzt mit der Aylostera HJ 452, die hier weit verbreitet ist. Auffällig ist, dass die bis zu 2 cm dicken
und wenig sprossenden Pflanzen überwiegend im vermoosten Boden, zwischen Steinen und Felsen wachsen, was auf ein sehr feuchtes Klima
hinweist. Kein Wunder, denn die feuchten Regenwolken, die von Osten herangetrieben werden, können sich hier ungehindert an den
Bergflanken ausregnen. Die aus Samen herangewachsenen Pflanzen der HJ 452 wurden mit verschiedenen Aylostera-Arten aus dem westlich
gelegenen Culpina-Becken verglichen. Dabei hat sich gezeigt, dass die HJ 452 grössere Unterschiede in ihren Merkmalen aufweist.
Die Voraussetzungen, eine neue Art zu beschreiben, waren somit gegeben. Merkmale und Beziehungen hat die Aylostera HJ 452 zu
der weiter westlich in der Umgebung von Sumaya vorkommenden und von Rausch entdeckten Aylostera sumayana. Die HJ 452, 452a und 452b (Namen) wurde zu Ehren von Ludwig Bercht benannt, der 2021 unerwartet im Alter von 76 Jahren verstorben ist. Aylostera berchtiana sp. nov. HJ 452, HJ 452a und b, und Aylostera berchtiana var. splendida sp. nov. (HJ ???), die ich 2007
nördlich der Art gefunden habe, wurden 2022 in Succulenta erstbeschrieben. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 452 Aylostera berchtiana Cerro Huajlaya 2´800 m-3´100m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 452 Aylostera berchtiana Kulturpflanzen: Klon 2, 7, 9, 10, 12, 16 und 18 Das weiträumige Vorkommen sowie das Fotografieren und Dokumentieren der Pflanzen hat mir viel Freude bereitet, aber auch viel Zeit
in Anspruch genommen, sodass ich heute kaum vorwärts gekommen bin. Auf einer grasbewachsenen Hochebene, die von grossen Felsen
unterbrochen wird, gibt es ideale Campingmöglichkeiten. ![]() Auf dem Cerro Huajlaya, Camp 11 Tag Cerro Huajlaya, Mittwoch, 07. Dezember, Camp 11 Tag Meine Wanderung verläuft jetzt auf einem Gebirgszug, der von Ost nach West bis in die etwa 30 km entfernte Hochebene von
Culpina reicht. Gleichzeitig ist das Gebirge auch eine Wasserscheide. Nach Norden fliesst das Wasser in den Río Santa Elena
und Río Pilcomayo, nach Süden in den Río Pilaya. Kurz nach Sonnenaufgang, bei strahlend schönem Wetter, steige ich in steilen Serpentinen weiter hoch in den Gipfelbereich
des Cerro Marcelo Kahsa. Dort, auf 3300 m, auf einer mit Gras und Felsen bewachsenen Ebene, ist die Aylostera berchtiana HJ 452
immer noch häufig anzutreffen. Aber es wachsen auch noch andere Aylosteras, deren Blüten verschieden sind, deren Körper
grösser und deren Dornen länger sind, die HJ 453 spec. Es wird immer noch abgeklärt, ob es in der grossräumigen Region
eine verwandtschaftliche Beziehung gibt oder ob es sich um eine neue Art handelt. ![]() ![]() HJ 453 Aylostera spec. Cerro Marcelo Kahsa, 3´300 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 453 Aylostera spec. Kulturpflanzen: Klon 3, 6, 10 und 15 Später im felsigen Gelände wurde der gut ausgebaute Inka-Pfad in eine steile Felswand gemeisselt. In diesem schwierigen
Gelände wachsen wieder andere Aylosteras, die HJ 454 spec. Wegen Absturzgefahr konnte ich keine Standortfotos machen
und fand nur eine aufgeplatzte Frucht mit wenigen Samen. Auch bei dieser Pflanze sind noch weitere Abklärungen nötig,
um eine Beurteilung abzugeben. Auch eine Aylostera fiebrigii fa. bevorzugt diese felsigen Strukturen, es ist die HJ 455 ![]() HJ 454 Aylostera spec. Cerro Marcelo Kahsa, 3´300 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien ![]() ![]() ![]() HJ 454 Aylostera spec. Kulturpflanzen: Klon 5, 6 und 23 ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 455 Aylostera fiebrigii fa. Cerro Marcelo Kahsa, 3´300 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien ![]() HJ 455 Aylostera fiebrigii fa. Kulturpflanze: Klon 1 Auf erdig-lehmigem Boden wachsen vereinzelt auch Lobivia ferox, HJ 456, die in Nordargentinien bis ins
südliche Bolivien weit verbreitet sind. ![]() HJ 456 Lobivia ferox var. longispina Cerro Marcelo Kahsa, 3´300 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Man kann jetzt sehen, dass der heftige Regen vor drei Tagen die sonst kargen Wiesen in ein saftiges Grün verwandelt hat.
Darin sind Farbtupfer zu erkennen, wie zum Beispiel der grossblumige Oxalis argentina. ![]() Oxalis argentina Cerro Marcelo Kahsa, 3´300 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Es gibt noch eine weitere kleinwüchsige Pflanze, die ohne Blüte kaum zu entdecken ist ![]() Eine Pflanze aus der Gattung Nototriche und Familie: Malvaceae Cerro Marcelo Kahsa, 3´300 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Leider verläuft der Weg auf dieser Gebirgskette nicht immer auf gleicher Höhe. Er führt hoch auf Berggipfel, dann wieder
hinunter auf tief gelegene Sättel und erneut hinauf in die Gipfelregionen, was sehr kräftezehrend ist. Doch man wird auch
immer wieder mit atemberaubenden Blicken in die umliegenden Täler belohnt, und oft kann man in der Thermik die Kondore
beobachten. Am Ostende des Cerro Marcelo Kahsa entdecke ich einen weiteren Standort der Aylostera berchtiana, die
HJ 452a. Diese zeigen jedoch keine wesentlichen Unterschiede zur erstgefundenen, liegt aber ziemlich weit von dieser entfernt. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 452a Aylostera berchtiana Cerro San Marcelo Khasa, 3´300 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 452a Aylostera berchtiana Kulturpflanzen: Klon 1, 4, 14, 15, 25 und 26 Nach einem fünfhundert Meter tiefen Abstieg erreiche ich die kleine Ortschaft Lampazar, die auf einem Sattel liegt,
wo ich sauberes Trinkwasser bekomme. Obwohl ich zum Umfallen müde bin, führt der Weg von dort wieder steil hoch
in die Berge. Erst kurz vor Einbruch der Dunkelheit finde ich auf einer flachen, grünen Wiese endlich einen idealen
Platz für die Nacht, mit Blick nach Norden ins Tal des Río Pilcomayo. ![]() ![]() Am Cerro Mojon, Camp 12 Tag Cerro Mojon, Donnerstag, 08. Dezember, Camp 12 Tag Ich war gestern Abend so erschöpft, dass ich beim Käse- und Salamiessen eingeschlafen und erst wieder aufgewacht bin,
als am nächsten Morgen die Sonne mein Zuhause in eine Sauna verwandelt hat. Ich fühle mich gut und ausgeruht und habe
einen Bärenhunger. Jetzt freue ich mich auf eine Portion Spaghetti Carbonara mit geriebenem Käse und darauf, draussen
im Gras zu sitzen und die stille, unberührte Natur zu geniessen. Doch bald quält mich der Durst, und ich muss weiter den Berg hoch, in der Hoffnung, noch vor dem letzten Pass Wasser
zu finden. Ich habe Glück, denn schon bald rieselt etwas Wasser über einen Felsvorsprung. Ich kann sogar mit Hilfe
meiner Kaffeekanne eine Dusche nehmen - was für ein Luxus und Vergnügen! Im Gipfelbereich des Cerro Majon mache ich
mich auf die Suche nach weiteren Standorten von Kakteen und werde bald fündig. Es sind wieder Aylosteras berchtiana
mit meist sehr kurzen Dornen, die HJ 452b. ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 452b Aylostera berchtiana Cerro Mojon, 3´300 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien, Blick nach Norden ins Tal des Rio Pilcomayo ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 452b Aylostera berchtiana Kulturpflanzen: Klon 2, 3, 4, 6 und 7 Ich sitze auf einem Felsen oben auf dem Cerro Mojon, schlürfe ein Birchermüsli und geniesse den weiten Blick ins Tal
des Río Pilcomayo. Dabei beneide ich die Kondore, die gemächlich in der Thermik ihre Kreise ziehen. Ich beneide sie,
weil sie grosse Distanzen in kurzer Zeit zurücklegen können, um dann auf dem nächsten Gipfel, ohne je einen Flügelschlag
zu tätigen, wieder in der Thermik zu kreisen. Ich hingegen brauche von einem Berggipfel zum anderen viele Stunden, den
ganzen Tag oder noch länger. Ha, ha, ha. ![]() Blick vom Cerro Mojon nach Norden ins Tal des Rio Pilcomayo Als ich so dasitze, läuft vor meiner Nase ein Tier mit schwarzem Pelz und kurzen Beinen vorbei, das mit Schwanz etwa
100 cm misst. Ich habe ein solches Tier noch nie gesehen, könnte aber in die Familie der Marder gehören. Heute ist in
der Einsamkeit richtig was los, denn kurz danach stehen plötzlich zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, 9 und 11 Jahre alt,
vor mir. Sie sind von Culpina gekommen und haben dort ihren Vater im Spital besucht. Sie sind seit zwei Tagen unterwegs und
haben noch weitere zwei Tage bis zu ihrem Zuhause vor sich. Sie haben nur das Allernötigste dabei, und ihre Blicke auf
mein Müsli und die anderen Leckereien vor mir verraten, dass sie Hunger haben. Sogleich nehme ich das restliche Milchpulver,
das ich habe, und rühre es in der Pfanne mit Wasser auf. Dazu kommen Haferflocken, Nüsse, getrocknete Beeren und etwas Zucker.
Da ich nur einen Löffel habe, schmatzen die Kinder abwechselnd im Eiltempo das Müsli hinunter. Während sie essen, höre ich,
dass es bei ihnen zu Hause so etwas Leckeres nicht gibt. Sie bedanken sich, und so schnell sie gekommen sind, sind sie auch
wieder verschwunden. Für mich war diese Begegnung Anlass, über vieles im Leben nachzudenken. Nun führt der Weg steil hinunter auf einen Sattel, wo es einige Häuser mit dem Namen El Portillo gibt. Wie ich sehen
kann, gibt es hier eine Strasse, die nach Villa Charcas führen soll. In steilen Serpentinen führt diese wieder hoch bis
auf 3200 m. Es gibt nichts Qualvolleres als auf Landstrassen zu wandern. Es fehlt die Übersicht in die unberührte Natur,
man läuft unnötige Distanzen und vor allem ist es langweilig. So war ich froh, kurz vor Dunkelheit auf der Passhöhe
einen Platz für die Nacht gefunden zu haben. Region El Portillo, Freitag, 09. Dezember, Camp 13 Tag Es ist feucht und kalt, und dichter Nebel herrscht, als ich mich frühmorgens etwas lustlos in Bewegung setze. Dann höre
ich nach langer Zeit wieder Motorengeräusche, und plötzlich steht wie aus dem Nichts ein Toyota Land Cruiser vor mir.
Der Fahrer sagt, er müsse nach El Portillo, käme aber bald wieder zurück und könne mich ein Stück weit mitnehmen. So
war es denn auch, und er brachte mich etwa 10 km weiter bis zum Cerro Inca Puyjo, wo Arbeiter die Strasse reparieren.
Die Wolken haben sich aufgelöst, und es scheint ein schöner Tag zu werden. An den Ostflanken dieses hohen Gebirgszugs,
der von Süden nach Norden verläuft, stauen sich die von Osten herangeführten Regenwolken und entleeren sich. Deshalb ist
die Gebirgsregion, durch die ich die letzten vier Tage gewandert bin, mit saftig grünen Wiesen bedeckt. Blickt man von hier nach Westen in die Ebene von Villa Charcas, so wirkt die Landschaft farblos, karg und ausgetrocknet.
Westlich der Ebene kann ich in etwa abschätzen, wo mein Weg weiter in die Berge und nach Camargo führt. Erfreulicherweise
kann man den früher einmal so wichtigen Inka-Pfad hinunter ins Tal wieder benutzen. Kaum wieder unterwegs in unberührter Natur, entdecke ich an einem Steilhang, zwischen Steinen, Gras und Moos rotblühende
Aylosteras, die HJ 457. Doch diese haben ein anderes Aussehen als die zuletzt gefundene Aylostera berchtiana. Die
Pflanzen werden 2-3 cm dick und sprossen mehr oder weniger. Die Randdornen sind mehr abstehend und sie haben einen bis
drei Mitteldornen. Als ich mich später in der Literatur über Aylosteras aus der Region befasst habe, stiess ich auf eine
Aylostera sumayana, die von Rausch 1986 mit seiner Feldnummer WR 738 erstbeschrieben wurde. Rausch hat die Pflanze
hier in der weiteren Umgebung auf 3200 m gefunden und nach der etwas südlich von hier gelegenen Ortschaft Sumaya benannt.
Sein langjähriger Begleiter Franz Kühhas hat viele Jahre später nochmals versucht, nach Hinweisen von Rausch den Fundort
in der weiteren Umgebung von Sumaya zu erreichen. Bei sehr kühlem, feuchtem Wetter konnten jedoch in den Felsen des
Gebirgskamms nordöstlich von Sumaya am Typfundort keine Pflanzen entdeckt werden. Obwohl diese Region bereits seit
vielen Jahren auf Strassen sehr gut zugänglich ist, wurde die Aylostera sumayana meines Wissens nicht wieder gefunden. 2007 habe ich in der Region von Pirhuani, etwa 60 km nördlich von hier, in einem bewaldeten und sehr feuchten Gebiet
eine sehr kleinwüchsige und im Alter stark sprossende Aylostera gefunden, die HJ 1242. Da mir diese Pflanzen
unbekannt waren, habe ich einige aus Samen herangewachsene Exemplare an Prof. Lothar Diers geschickt, um zu prüfen,
ob es sich um eine neue Art handelt. Nach vielen Jahren des Beobachtens und Vergleichens mit anderen Aylosteras ist
Prof. Diers zu dem Ergebnis gekommen, dass es taxonomisch keine Unterschiede zur von Rausch 1986 gefundenen
Aylostera sumayana gibt. Meine entdeckte HJ 1242 ist somit als eine weiter nördlich vorkommende Aylostera sumayana
zu betrachten und kann nicht mit der jetzt gefundenen Aylostera HJ 457 in Verbindung gebracht werden. Ich erwähne
dies deshalb, weil in der Literatur Aylosteras aus derselben Region gezeigt werden, die sehr ähnliche Merkmale wie die
HJ 457 aufweisen, aber als Aylostera sumayana benannt sind, was nicht zutreffend ist. 2019 wurde in "Kakteen und andere Sukkulenten" über das nördliche Vorkommen der HJ 1242 Aylostera sumayana berichtet.
Siehe auch unter Jucker Literatur. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 457 Aylostera spec. Cerro Inca Puyjo, 3´400 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 457 Aylostera spec. Kulturpflanzen: Klon 1, 3, 8, 12 und 41 Beim weiteren Abstieg ins Tal wird es zunehmend trockener, und teilweise ist kein Grashalm zu sehen. Dennoch wachsen
auf blanken Felsen und auf Schotter halbrund geformte Azorella compacta-Polster, so als seien sie angeklebt.
Als ich diese trostlose, aufgeheizte Steinwüste etwas näher betrachte, sehe ich, dass Leben aus dem Schiefergestein
spriesst. Es sind Aylosteras pygmaea, die HJ 458, die wegen der Trockenheit tief im Boden stecken, und einige sind
nur einen halben Zentimeter gross. Bei einem längeren Rundgang kann ich immer wieder kleinere Populationen finden,
teilweise auch noch blühend. Die Aylostera pygmaea ist weit verbreitet von Nordargentinien bis nördlich von Potosi, und
je nach Standort haben sich verschiedene Formen entwickelt. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 458 Aylostera pygmaea fa. Östlich Estancia Laya, 3´100 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Nur wenig weiter wachsen vereinzelte Aylostera atrovirens die wesentlich grösser gewachsen sind als die letztgefunden. Auch
diese Aylostera ist weit verbreitet von Nordargentinien bis südlich Potosi in Bolivien. ![]() ![]() ![]() HJ 459 Aylostera atrovirens fa. Östlich Estancia Laya, 3´100 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien, Blick nach Westen in die Ebene von Villa Charcas Auffällig sind auch die gelben Blüten der Hypochaeris sessiliflora, die vereinzelt im Schotter zu sehen sind. Sie
gehören zur Familie der Asteraceae. ![]() Hypochaeris sessiliflora, Familie Asteraceae Östlich Estancia Laya, 3´100 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Ich erreiche die Ebene von Villa Charcas, überquere den Río Incahuasi und wandere durch ausgetrocknete Felder, auf denen
Bauern Kartoffeln pflanzen und auf Regen hoffen. Der Weg führt oft an kleinen Siedlungen aus Lehmziegeln vorbei,
die sich nahtlos in die braune, ausgedörrte Landschaft einfügen. ![]() Indiosiedlung in der Ebene von Villa Charcas Es ist nicht immer einfach, in diesem Labyrinth von Wegen zwischen den Feldern den richtigen zu finden. In der Ferne
erkenne ich meinen Weg, der zu einem Sattel führt (Ayumita Loma). Es hat jedoch Stunden gedauert, bis ich den Aufstieg
auf den Cerro Tare Orkho gefunden habe. Oben angekommen sieht es aus, als hätte es Steine geregnet. Dennoch entschied
ich mich, hier auf dem Sattel mein Nachtlager aufzubauen. Es war jedoch eine Herausforderung, die Heringe in den
steinigen Boden zu schlagen. Danach waren sie verbogen und nur schwer wieder zu richten. Ayumita Loma, Cerro Tare Orkho, Samstag, 10. Dezember, Camp 14 Tag Während ich draussen im Schiefer-Schotter sitze und mein Frühstück in der wärmenden Sonne geniesse, spüre ich plötzlich
ein Kratzen und Stechen am Oberschenkel. Als ich nachsehe, entdecke ich tief im Kies, kaum sichtbar, eine Parodia subterranea,
die HJ 462 - was für eine Überraschung! Beim vorsichtigen Suchen nach weiteren Exemplaren im Kies finde ich immer wieder
welche und muss aufpassen, nicht auf sie zu treten. Es gibt jedoch auch Orte zwischen Gräsern und kleinen Büschen, wo
man die Pflanzen besser erkennen kann. Parodia subterranea bedeutet im Lateinischen "unterirdisch". Sie ist in der
grossräumigen Umgebung von Culpina weit verbreitet. ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 462 Parodia supterranea Ayumita Loma, Cerro Tare Orkho, 3´100 m - 3´200 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien, Camp 14 Tag ![]() ![]() HJ 462 Parodia supterranea Kulturpflanzen: Klon 1 und 2 In diesem leicht abfallenden Gelände suche ich nach weiteren Kakteenvorkommen und entdecke erneut eine Population von
Aylostera pygmaea, die HJ 458a. Diese Pflanzen sind etwas grössergewachsen und weniger ausgetrocknet als die
zuletzt Gefundenen. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 458a Aylostera pygmaea fa. Ayumita Loma, Cerro Tare Orkho, 3´200 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien ![]() HJ 458a Aylostera pygmaea fa. Kulturpflanze: Klon 1 Vom Sattel führt der Weg hinunter zum Rio Papa Chajra, wo es ideal ist, um Kleider zu waschen. Vor allem aber geniesse
ich die Abkühlung in einem kleinen Pool, plansche umher und erfreue mich an den Papageien, die auf den Baumkronen
kreischen oder vor sich hin plappern. Ich hänge meine Wäsche an den Rucksack und wandere weiter hoch, vorbei am Gipfel
des Cerro Tare Orkha. Hier wächst wieder Parodia subterranea und eine Form von Lobivia pugionacantha,
möglicherweise die Variation Lobivia ?? culpinesnis. Leider gibt es keine Blüten am Standort, sondern nur Früchte, die
jedoch noch nicht völlig ausgereift waren, sodass das Aussäen in Kultur kein Erfolg brachte. ![]() ![]() ![]() HJ 460 Lobivia pugionacantha Cerro Tare Orkha, 3´200 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Die Nachmittagssonne brennt erbarmungslos, als ich über die Hochebene der Comunidad Arpaja Alto wandere. Doch ich
bin frohen Mutes und erleichtert, als ich sehe, dass mein Weg weiter auf einem Gebirgskamm nach Westen ins Hochgebirge führt. ![]() Hochebebe bei Comunidad Arpaja Alta Kaum habe ich den steilen Anstieg in Angriff genommen, fühle ich mich kraftlos und erschöpft. Zudem schmerzen
meine Füsse und mein linkes Knie. Nach dreihundert Höhenmetern erreiche ich schliesslich einen mehr oder weniger
flachen Ort, der sich gut für das Nachtlager eignet. Heute bin ich dreizehn Kilometer gewandert, und mein Schrittzähler
zeigt nun insgesamt 186 Kilometer. ![]() Westlich Comunidad Arpaja Alta, Camp 15 Tag Westlich Comunidad Arpaja Alta, Sonntag, 11. Dezember, Camp 15 Tag Wieder habe ich geschlafen, als wäre ich in Narkose versetzt worden. Die Schmerzen in meinen Füssen und Knien sind
kaum noch zu spüren. Ich koche viel Tee zum Mitnehmen und als die ersten Sonnenstrahlen mich wärmen, bin ich bereits
unterwegs in die höher gelegenen Berge. Während ich durch einen locker gewachsenen Polylepis-Wald wandere, in dem
auch Azorella compacta-Polster wachsen, entdecke ich auf einem dieser Polster ein kleines Pflänzchen. Es ist
ein Hypseocharis pimpinellifolia, das zur Familie der Geraniaceae gehört. Das Motiv hat mir so gut gefallen,
dass ich es unbedingt Fotografieren musste. Da es am Wegrand auf den Felsen auch noch eine ideale Sitzgelegenheit gab,
nutzte ich diese, um zu frühstücken. ![]() Frühstückspause bei Aufstieg zum Cerro Milluyoi ![]() Hypseocharis pimpinellifolia (Familie: Geraniaceae) auf Azorella compacta-Polster Cerro Milluyoi, 3´400 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Der Himmel ist tiefblau, die Sonne brennt wie ein Brennglas und es gibt keinen Schatten, als ich am Cerro Milluyoi
erneut eine Pause einlege. Hier oben ist die Landschaft weniger ausgetrocknet und während ich einen Rundgang mache,
sehe ich bereits aus der Ferne rote Farbtupfer leuchten. Beim näheren Betrachten der Pflanzen und Blüten wird klar,
dass es sich um Formen von Aylostera atrovirens handelt, die HJ 463. Je nach Standort, im Gras oder zwischen
Steinen, zeigen diese eine etwas unterschiedlich lange Bedornung. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 463 Aylostera atrovirens fa. Cerro Milluyoi, 3´500 m-3´700 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien ![]() ![]() HJ 463 Aylostera atrovirens fa. Kulturpflanzen: Klon 20 und 21 Manchmal begegne ich Menschen deren Maultiere und Esel beladen sind mit Holz. Sie schneiden die Äste der rar gewordenen
Polylepis Bäumen, die nur in sehr hohen Lagen wachsen und benutzen es als Brennholz. Zum Glück sind es robuste
Pflanzen so dass das geschnittene Holz wieder nachwächst. ![]() ![]() Holztransport hinunter in die Ebene von Culpina Auf 3800 Metern Höhe fliesst ein kleines Rinnsal vom höher gelegenen Cerro Milluyoi. Etwas weiter unten hat sich
ein kleiner Pool gebildet. Da mein Körper vor Hitze kochte und meine Kleidung durchgeschwitzt war, entschied ich mich
kurzerhand, dort ein Bad zu nehmen. ![]() Erfrischendes Bad am Cerro Milluyoi Es war eine Schocktherapie pur, und als ich wieder draussen dem plötzlich böigen und kalten Wind ausgesetzt war,
fror ich wie ein Schlosshund. Noch vor der Passhöhe, auf 3900 Metern, an einem ziemlich flachen Ort, richtete
ich mein Lager für die Nacht ein. Auf dem Cerro Milluyoi, 3´900 m, Montag, 12. Dezember, Camp 16 Tag Bis spät in die Nacht war der Himmel klar. Ich fror und musste mit meiner Fleecejacke schlafen. Doch am frühen Morgen,
als es noch dunkel war, wurde ich von einem heftigen Donnerschlag aus dem Schlaf gerissen. Blitze schossen vom Himmel
und es begann heftig zu regnen. Zum Glück lief das meiste Wasser seitlich am Zelt vorbei, sodass ich ziemlich trocken
blieb. Das regnerische Wetter kam mir gerade recht, denn so konnte ich endlich mein Tagebuch und die Feldnotizen der
letzten Tage aufarbeiten. Zudem weckte das kühle Wetter meinen Appetit, und so kochte ich mir ein ungarisches Gulasch
mit Kartoffelstock. Zum Dessert gab es eine feine, luftige Schokoladenmousse. Der Regen war von kurzer Dauer, und bald
blinzelte die Sonne hinter den Wolken hervor. Ich lasse das Zelt trocknen und erkunde die nähere Umgebung, wo ich schon
bald zwischen Steinen und Gräsern zahlreiche kleinere oder auch grössere Gruppen von Aylostera atrovirens entdecke,
die HJ 463a. Manche Pflanzen wachsen in feuchtem, humosem Boden und können bis zu 5 cm dick werden. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 463a Aylostera atrovirens Cerro Milluyoi, 3´900 m-4´000 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien ![]() ![]() HJ 463a Aylostera atrovirens Kulturpflanzen: Klon 18 und 40 Ich packte meine Sachen, füllte den Wassersack am nahegelegenen Bach, erfrischte mich und machte mich auf den Weg. Das
Gelände steigt langsam, aber stetig bis in den Gipfelbereich des Cerro Mylluyoi an. Dort oben, auf 4000 m, wachsen
zwischen den Felsen Lobivia ferox var. longispina. Man sieht sie einzeln oder in kleinen Gruppen. Sie
werden bis zu 15 cm dick und haben lange, kräftige, nach aussen und oben gerichtete Dornen. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 464 Lobivia ferox var. longispina Cerro Milluyoi, 4´000 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Am selben Ort wachsen erneut Aylostera atrovirens, die HJ 465, die sich jedoch kaum von der zuletzt gefundenen unterscheidet. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 465 Aylostera atrovirens fa. Cerro Milluyoi, 4´000 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Zudem gibt es in den Felsen und zwischen lockerem Graswuchs Gruppen von Oreocereus trollii, die bis zu 50 cm hochgewachsen sind. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Oreocereus trollii Cerro Milluyoi, 4´000 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Entlang des Gebirges, in westlicher Richtung, erreiche ich den 4000 Meter hohen Cerro Paloma Huachana. Auch hier sind
die Aylostera atrovirens, die HJ 466, noch weiträumig zu finden, selbst zwischen den Polstern von Azorella compacta.
Diese Pflanzen unterscheiden sich von den zuvor gefundenen durch ihre sehr dunklen, fast weinroten Blüten mit einem tiefdunklen Schlund. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 466 Aylostera atrovirens fa. Cerro Paloma Huachana, 4´000 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Weiter nach Westen wird die Landschaft zunehmend trockener. Plötzlich habe ich einen weiten Blick ins Tal von
Camargo - was für eine Freude. Ich sollte also in wenigen Tagen dort ankommen. ![]() Blick vom Cerro Paloma Huachana ins Tal von Camargo Als ich mich in dieser trockenen Landschaft, die von feinem Schiefergestein geprägt ist, genauer umschaue, entdecke
ich aus der Ferne wieder rote Farbtupfer. Es stellte sich heraus, dass es sich um die Blüten einer Aylostera pygmaea
handelt, die kleine Polster bilden und ohne Blüten kaum zu entdecken sind. Es ist die Feldnummer HJ 477. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 477 Aylostera pygmaea fa. Cerro Paloma Huachana, 3´840 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Und dann geschah etwas, das man als kleines Wunder bezeichnen kann. Es war etwas, wovon ich auf der ganzen Reise immer
geträumt hatte, das aber nie in Erfüllung ging. Ein kleiner Ast hatte sich in den Schnürsenkeln meines Schuhs verheddert.
Das ist an sich nichts Aussergewöhnliches und kann in der Wildnis durchaus vorkommen. Also setzte ich mich auf einen
grösseren Stein und bückte mich, um den Ast von meinen Schuhen zu entfernen. Und was entdeckte ich neben meinem Schuh,
tief im Schieferschotter versteckt? Eine sehr kleine Sulcorebutia mit grauer Epidermis, die farblich kaum vom Schieferschotter
zu unterscheiden ist. Es ist die Feldnummer HJ 478. Hätte ich mich nicht bücken müssen, hätte ich sie nicht entdeckt. Ein
lauter Jubelschrei hallte durch die stille Landschaft, so laut, dass man ihn unten im Tal in Camargo hätte hören müssen.
Selbst wenn man sich langsam in gebückter Haltung vorwärtsbewegt, sind die sprossenden und bis zu zwei Zentimeter dicken
Pflanzen kaum sichtbar. Wie ich feststellen kann, sind die Pflanzen keineswegs selten. Sie wachsen in senkrecht
verlaufendem Schiefergestein, und aufgrund des sehr trockenen Klimas arbeiten sich die Pfahlwurzeln bis zu 30 Zentimeter
tief in das harte Gestein. Hinzu kommen die sehr harten klimatischen Bedingungen auf 3840 Metern Höhe. Hier gibt es die
höchste Tagessonnenscheindauer, und die Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht können über 30 Grad betragen. Es
ist daher berechtigt zu sagen, dass dieser Standort der wohl aussergewöhnlichste von allen mir bekannten Sulcorebutien ist.
Auch das Erscheinungsbild des Habitus ist mit keiner anderen Art vergleichbar. Die HJ 478 Sulcorebutia camargoensis wurde 2004 in der Zeitschrift 'Kakteen und andere Sukkulenten' erstbeschrieben. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 478 Sulcorebutia camargoensis Cerro Paloma Huachana, 3´840 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 478 Sulcorebutia camargoensis Kulturpflanzen: Klon 6, 10, 12, 44 und 48 Es gibt sie also doch, wenn auch mit grossen Lücken, die Verbindung zwischen den nördlichen und südlichen Sulcorebutien.
Sollte es noch weitere Sulcorebutien Vorkommen geben in dieser weitläufigen und schwer zugänglichen Region, so sind das
vermutlich nur wenige isolierte Standorte. Das Sammeln von Samen und wichtigen Informationen hat viel Zeit in Anspruch genommen, weshalb ich mich entschied,
die Nacht an diesem wunderschönen Ort zu verbringen. ![]() ![]() Am Cerro Paloma Huachana, Camp 17 Tag, Blick nach Norden mit Oreocereus trolli Doch hier oben gibt es kein Wasser, daher muss ich in das 200 Meter tiefer gelegene Tal absteigen und darauf hoffen,
dort unten welches zu finden. Gleich zu Beginn, wo das Gelände steil in das Seitental abfällt und mit Gräsern sowie
vereinzelten Sträuchern bewachsen ist, gedeihen einige wenige Lobivia ferox var. longispina mit sehr
langer und wilder Bedornung, die HJ 479. Fliessendes Wasser habe ich im Tal unten keines gefunden, aber es gab genügend
Wasserpfützen im felsigen Gestein. ![]() ![]() ![]() HJ 479 Lobivia ferox var. longispina Cerro Paloma Huachana, 3´840 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Am Cerro Paloma Huachana, Dienstag, 13. Dezember, Camp 17 Tag Um die kühlen Morgenstunden zu nutzen, bin ich früh unterwegs und geniesse die frische, würzige Luft von Gräsern
und Kräutern. Der Weg führt auf einem Gebirgskamm weiter nach Westen, und schon bald entdecke ich wieder Kakteen.
Es sind Weingartia cintiensis, die HJ 480, die oft grössere Gruppen bilden. Dies unterscheidet sie von der
Weingartia westii, die mehrheitlich einzeln wächst, aber in etwa gleicher Höhenlage zu finden ist, jedoch
weiter nördlich verbreitet ist. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 480 Weingartia cintiensis Cerro Paloma Huachana, 3´840 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien ![]() ![]() ![]() HJ 480 Weingartia cintiensis Kulturpflanzen: Klon 1, 2 und 17 Später, als der Weg seitlich am Gebirgskamm entlang hinunter zum Rio Serano führt, wachsen meist etwas geschützt
unter kleinen Büschen grossgewachsene Parodien, die ich aufgrund der hohen Lage in den Formenkreis der Parodia maassii
einordne. Es dürfte sich um die var. albescens von Ritter handeln. ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 481 Parodia maassii var. albescens Cerro Paloma Huachana, 3´600 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien ![]() HJ 481 Parodia maassii var. albescens Kulturpflanze: Klon 8 Am selben Ort wächst auch die in Südbolivien weit verbreitete Austrocylinderopuntia sahferi. ![]() Austrocylinderopuntia sahferi Cerro Paloma Huachana, 3´600 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Als ich das Gelände am selben Ort weiträumig erkunde, entdecke ich zufällig die weissblühende
Aylostera leucanthema, die HJ 482, leicht schattiert in den Büschen. Die etwa 2 cm grossen
Pflanzen zeigen je nach Standort längere oder kürzere Dornen. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 482 Aylostera leucanthema Cerro Paloma Huachana, 3´650 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Am selben Ort blühen aber auch noch andere Kakteen, wie die Lobivia lateritia mit ihren roten Blüten. ![]() ![]() ![]() HJ 483 Lobivia lateritia Cerro Paloma Huachana, 3´600 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Das Gelände wird zunehmend steiler, und bald mündet der Weg in die enge Schlucht des Río Serano. Gleich zu
Beginn, oberhalb des ausgetrockneten Bachbetts, entdecke ich zufällig auf Augenhöhe eine blühende
Aylostera leucanthema, die HJ 484. ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 484 Aylostera leucanthema Rio Serano 3200 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Am selben Ort finde ich unerwartet eine Form von Echinopsis leucantha, die HJ 485, mit langen, wirr
ineinander verflochtenen Dornen. Diese Pflanzen sind hauptsächlich in Nordwestargentinien beheimatet. ![]() HJ 485 Echinopsis leucantha fa. Rio Serano 3200 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Das anfänglich unterirdisch fliessende Wasser wird später an die Oberfläche gedrückt und stürzt als Wasserfall
über eine hohe Felswand. Zu meiner Überraschung wurde der Weg an diesem Hindernis vorbei in die Felsen gehauen
und mündet unterhalb wieder ins Bachbett. Unten am Wasserfall hat sich ein kleines Becken gebildet, in dem ich
mich mit einem dringend nötigen Bad vergnügen kann. Als ich gemütlich im Pool sitze, sehe ich, dass ich
beobachtet werde - nicht etwa von Schaulustigen, sondern von einem Frosch, der gemütlich auf einem Stein
sitzt und schläft. ![]() ![]() Bolivianischer Laubfrosch (Hyla pulchella) aff. In der Schlucht des Rio Serano mit dort lebendem Frosch Weiter die Schlucht hinab sind die Felswände mit Trichocereen, Chleistocacteen und Puyas bewachsen. Bei genauerem
Hinsehen entdeckte ich auch massenweise Blossfeldia liliputana. ![]() ![]() ![]() Blossfeldia liliputana Rio Serano 3100 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Es ist spät geworden, und ich suche verzweifelt nach einem geeigneten Ort, um die Nacht zu verbringen. Dieses Mal ist
nicht das Wasser das Problem, sondern einen Platz oberhalb des Bachbetts zu finden, wo ich geschützt bin, falls das
Wasser bei starkem Regen ansteigt. Es dämmert bereits, als ich notdürftig einen Platz unter einem Felsvorsprung finde.
Kaum habe ich es mir einigermassen gemütlich gemacht, kommt ein alter Mann mit einem Esel, beladen mit Holz, vorbei.
Wir grüssen uns freundlich, und er trottet weiter. Wie immer koche ich Abendessen, verkrieche mich danach in den
Schlafsack und schreibe Tagebuch. Es ist längst dunkel geworden, als ich direkt über mir, oberhalb der Felsklippe,
menschliche Stimmen höre. Kurz darauf beginnt es zu rumpeln, und riesige Felsbrocken fallen von oben in die Schlucht,
direkt vor mein Zelt. Vor Schreck flüchte ich so schnell wie möglich aus dem Schlafsack, nur in Unterhosen und ohne Socken
an den Füßen, und finde Schutz unter dem Felsvorsprung hinter mir. Immer mehr Steine fliegen hinunter, prallen jedoch auf
dem Felsvorsprung über mir ab und fliegen über mein Zelt hinweg ins Bachbett - Gott sei Dank werde ich verschont. Aber was soll diese bösartige Aktion von Einheimischen, die hier in der Gegend leben, bedeuten, fragte ich mich.
Ich vermutete, dass der alte Mann mit dem Esel, der spät an mir vorbeiging, oberhalb der Schlucht bei einer Siedlung
berichtet hatte, dass ein Fremder die Nacht in der Schlucht verbringt, und sie mich deshalb vertreiben wollten.
Irgendwann wurde es ruhig, doch dann hörte ich Stimmen unten in der Schlucht und sah plötzlich Menschen mit Fackeln
auf mich zukommen. Die Situation war beunruhigend, aber ich versuchte ruhig zu bleiben und abzuwarten, was passieren
würde. Es waren drei Männer mittleren Alters mit Macheten und eine jüngere Frau. Die Männer stellten keine Fragen,
um zu erfahren, was ich hier mache, sondern griffen mich sofort mit ihren Macheten an. Schnell bemerkte ich, dass
die Männer betrunken sind und, wenn ich ihren Attacken auswich, sie über die Zeltschnüre stolperten und umfielen.
Nebenbei versuchte ich der Frau zu erklären, was ich hier mache und dass sie keine Angst vor mir haben müssten. Sie
vertraute mir und versuchte daraufhin, die Männer zu beruhigen, was allerdings eine Weile dauerte. Schliesslich standen
wir alle nebeneinander und ich konnte erklären, warum ich die Nacht hier verbringe. Die Frau erzählte mir, dass sie hier
wohnen und dass vor einigen Tagen Viehdiebe bei ihnen Ziegen gestohlen hätten. Sie hatten gedacht, ich sei einer dieser
Viehdiebe. Die junge Frau schämte sich zutiefst über das Geschehene, kniete sich vor mir nieder, küsste meine Füsse und
entschuldigte sich. Ich war sprachlos und zutiefst gerührt. Sie bot mir an, bei ihnen zu übernachten, was ich jedoch
ablehnte. Als Dank dafür, dass sie die schwierige Lage beruhigen konnte, schenkte ich der Frau ein kleines Sackmesser
und eine Büchse Thunfisch. Sie bedankten sich und verschwanden wieder in der Dunkelheit. Obwohl alles hätte schlimm enden
können, schlief ich danach recht gut - aber nur, weil ich völlig kaputt und erschöpft war. Am Rio Serano, Mittwoch, 14. Dezember, Camp 18 Tag Es herrscht absolute Stille, nur das Zwitschern der Vögel durchbricht die Ruhe. Die Ereignisse von gestern erscheinen mir
wie ein böser Traum. Früh am Morgen mache ich mich auf den Weg und erfreue mich an der vielfältigen Vegetation, die die
steilen Felswände zieren. Schon bald erreiche ich den Ort, an dem der Weg aus der Schlucht führt und wo die Leute gestern
hinabgestiegen sind. ![]() ![]() Im oberen Teil des Rio Serano Oben angekommen, führt der Weg am Indio-Hof vorbei, wo die Leute wohnen, mit denen ich gestern diese unangenehme Bekanntschaft
hatte. Ich erkenne die Frau vor dem Haus; sie winkt mir zu, und ich erwidere den Gruss. Unsicher, ob sie mich zu sich
rufen wollte, setze ich meinen Marsch fort, da ich heute noch Camargo erreichen möchte. Später führt der Weg wieder hinunter in die Schlucht. Dort gedeihen alte Feigen- und Mandelbäume, die von den hier lebenden
Bauern bewässert und gepflegt werden. Unten in der sehr engen Schlucht kann man den Weg im blankgeschliffenen Felsen nur erahnen. ![]() Im unteren Teil des Rio Serano Meist unerreichbar hoch in den Felsen kann man rote Farbpunkte sehen. Es sind Formen von Aylostera fiebrigii, die HJ 486 ![]() ![]() HJ 486 Aylostera fiebrigii fa. Rio Serano, 2´900 m, 5km östlich Camargo, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien ![]() HJ 486 Aylostera fiebrigii fa. Kulturpflanze: Klon 10 Irgendwann öffnet sich das Tal und man hat einen weiten Blick auf die Zielortschaft Camargo. In den Mimosa-Sträuchern
wachsen Parodia camargensis, die HJ 487. Ihr Habitus ähnelt stark der tausend Meter höher wachsenden Parodia maassii HJ 481.
Doch die Parodia camargensis bevorzugen mildes, warmes Klima und wachsen selten bis auf 3000 Meter. Dennoch sind die beiden
Pflanzen eng miteinander verwandt. ![]() ![]() HJ 487 Parodia camargensis 2 km östlich Camargo,2´600 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Während der Mittagspause unter einem Mimosenstrauch denke ich darüber nach, wie meine Reise weitergehen soll. Ich habe noch
drei zusätzliche Tage zur Verfügung und genügend Lebensmittel. Auch die Camargo-Karte reicht noch etwa fünf Kilometer
weiter nach Westen. Wenn ich über das Tal blicke, kann ich den Weg erkennen, der nach Santa Rosa führt. Das Gebirge dort
sieht interessant aus. Allerdings müsste ich bei diesem dreitägigen Rundgang im äussersten Westen teilweise ohne Landkarte
auskommen. Doch meine Abenteuerlust ist ungebrochen, egal was noch auf mich zukommt. Am späten Nachmittag erreiche ich das
von steilen Sandsteinfelsen umrahmte Oasendorf Camargo. Ich höre wieder Geräusche, die mir fremd geworden sind: Motorengeräusche,
hupende Autos, Musik aus den Häusern und Marktfrauen, die nach Kundschaft rufen. Direkt an der Plaza gönne ich mir für eine
Nacht das nobelste Haus im Dorf, das Hostal Plaza. Hier gibt es ein anständiges Bett, in dem sich auch ein Gringo wohlfühlen
kann, und eine Dusche. Ohne zu wissen, wie es meinen Liebsten zu Hause geht, freue ich mich nach fast drei Wochen Wildnis auf
ein Telefonat nach Hause. Im Telefonamt Entel war es eine Tortur, eine Verbindung herzustellen. Doch irgendwann klappte es,
und Dora war überglücklich und erleichtert zu hören, dass es mir gut geht. Worauf ich mich seit Tagen freue, ist endlich wieder einmal etwas Feines essen zu gehen. Die Churrascaria in der Nähe bietet
sich perfekt an, um ein anständiges Stück Fleisch zu geniessen und dazu das lang ersehnte Bier zu trinken ![]() ![]() Camargo, 2´406 m hoch gelegen, ist die Hauptstadt der Provinz Nor Cinti im Dep. Chuquisaca Camargo, Donnerstag, 15. Dezember, Hostal Plaza, 18 Tag Ich geniesse das vielfältige Frühstück mit frischem Brot und tropischen Früchten. Die Frau in der Küche hat mir noch
ein grosses Sandwich zum Mitnehmen zubereitet, und auf dem Markt kaufe ich frisches Brot und Bananen. Als ich danach
auf der Strasse aus dem Dorf nach Norden marschiere, zeigt mein Schrittzähler Kilometer 226 an. Nur wenig später führt
mein Weg bereits steil nach Westen in die Berge in Richtung Santa Rosa. Es ist eine farbenfrohe, bizarre Felsenlandschaft
mit abwechslungsreicher Vegetation. Bei den Kakteen wachsen Parodia camargensis und Weingartia cintiensis. Später,
wie schon oft, sehe ich auf über 3000 Metern in den Felsen wieder rote Punkte leuchten. Das Gelände ist so unwegsam,
dass es mir nur mit akrobatischen Einlagen gelingt, an sie heranzukommen. Es sind Aylosteras, die HJ 488, die sich bei
späteren Abklärungen als eine bereits bekannte Art entpuppten: die Aylostera mamillosa. Ihre Schönheit zeichnet sich
durch die kräftig magentafarbenen Staubblätter und die grossen Blüten aus. ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 488 Aylostera mamillosa Rancho Puqui Pampa, 5km nördwestlich Camargo, 3´030 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 488 Aylostera mamillosa Kulturpflanzen: Klon 1, 16, 19, 20, 23, 26, 28, 30, 34 und 36 In Santa Rosa, einem Ort mit nur wenigen Häusern, frage ich nach Trinkwasser und dem Weg weiter nach Westen in Richtung Cerro Moro
Grande. Doch bald macht sich die Müdigkeit des langen Aufstiegs spürbar bemerkbar. Es ist erst Nachmittag, als ich mich entscheide,
kurz vor dem Gipfel neben einem Bach das Nachtlager einzurichten. Dennoch kann ich es nicht lassen, das Gelände in der Umgebung nach
Kakteen zu durchsuchen. Bereits wenige Meter neben dem Bachbett, am steilen, mit Büschen bewachsenen Berghang, werde ich fündig.
Es sind einzelne oder kleine Gruppen von Aylostera steinmanii, die HJ 489. Das Erscheinungsbild der Pflanzen weist kleine
Unterschiede auf, von eher anliegenden bis hin zu leicht abstehenden Dornen. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 489 Aylostera steinmanii Cerro Moro Grande, 3´600 m, 5 km westlich Rancho Santa Rosa, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien ![]() ![]() HJ 489 Aylostera steinmanii Kulturpflanzen: Klon 4 und 5 Cerro Moro Grande, westlich Rancho Santa Rosa, Freitag-16. Dezember, Camp 19 Tag Bereits in den frühen Morgenstunden folge ich dem Bachlauf weiter und erreiche bald die Passhöhe, wo ich mich wieder
orientieren kann. Um diesen dreitägigen Rundweg fortzusetzen, muss ich von hier aus nach Süden wandern. Doch vor mir
erstreckt sich eine tiefe Schlucht, die quer zu meiner Richtung verläuft. Deshalb mache ich erst einmal eine
Frühstückspause und überlege, wie es weitergehen soll. Dann plötzlich steht ein Indio vor mir und erfreut sich jemanden zu sehen in dieser Abgeschiedenheit. Ich frage ihn
ob es möglich sei die Schlucht zu überqueren. Ja sagt er und zeigt mir einen kaum sichtbaren Pfad der hinunter zum
Rio Quirusilas führt. Aber er würde mir empfehlen die Schlucht zu umgehen, und erklärt mir wie ich das machen muss.
Er nimmt zwei Fladenbrote aus seinem Stoffsack und schenkt mir eines. Und so Frühstücken wir gemeinsam und erzählen
uns gegenseitig wieso wir hier sind und was wir noch gedenken zu tun. Der Man sagt, er würde nach Camargo gehen,
Einkäufe machen, Freunde besuchen und sei heute Abend wieder zuhause. Ich staune immer wieder, wie schnell die Menschen
unterwegs sind und welch grosse Distanzen sie dabei in einem Tag zurücklegen können. Der junge Mann verabschiedet sich, und auch ich mache mich auf den Weg, oberhalb der Schlucht in Richtung Westen.
Mittlerweile hat sich die Bewölkung aufgelöst, und die Sonne kommt zum Vorschein. Wie schon vor einigen Tagen entdecke
ich wieder eine dieser weiss blühenden Formen von Aylostera leucanthema, die HJ 490. Es gibt keine sichtbaren Unterschiede
zur HJ 484 am Oberlauf des Rio Serano. ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 490 Aylostera leucanthema 5km westlich Rancho Santa Rosa, 3´600 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien ![]() HJ 490 Aylostera leucanthema Kulturpflanze: Klon 1 Auf dem Weg weiter nach Westen gibt es einen weiteren Standort der Aylostera leucanthema, die HJ 491, deren Samen
in Kultur leider nicht gekeimt sind. Dasselbe gilt für die HJ 492, Weingartia cintiensis, die hier weit verbreitet
ist. Bei der HJ 493, Lobivia laterita, die hier teilweise blüht, konnte ich keine Samen finden. ![]() ![]() ![]() HJ 493 Lobivia laterita Cerro Morro Grande, nordwestlich Camargo, 3´600 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Später entdecke ich weitere Aylosteras, die HJ 494 und die HJ 495. Bei beiden Feldnummern handelt es sich um
Formen von Aylostera pygmaea. ![]() HJ 495 Aylostera pygmaea Cerro Morro Grande, 3´600 m, nordwestlich Camargo, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien Weiter nach Westen steigt das Gelände weiter an, und als ich den Cerro Timon Kuthuska erreiche, entdecke ich im steinigen
Gelände eine weitere Form von Aylostera steinmanii, die HJ 496. Sie haben weisse bis gelbliche, abstehende oder
struppig ineinander verflochtene Dornen. Am selben Ort gibt es auch einen idealen Platz zum Campen. ![]() ![]() ![]() ![]() HJ 496 Aylostera steinmanii fa. Cerro Timon Kuthuska, 3´800 m, nordwestlich Camargo, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien ![]() ![]() ![]() HJ 496 Aylostera steinmanii fa. Kulturpflanzen: Klon 1, 2, und 3 Cerro Timon Kuthuska, Samstag, 17. Dezember, Camp 20 Tag Es ist noch finster, als ich in der Ferne das Grollen eines Gewitters höre. Ein böiger Wind schüttelt mein Zelt hin und her.
Doch obwohl es bald regnen wird, packe ich meine Sachen zusammen, in der Hoffnung, heute noch nach Camargo zu gelangen.
Kaum wieder unterwegs, führt der Weg steil in die fünfhundert Meter tiefe Schlucht des Río Quirusilas. Der Pfad in den
Felsen ist steil, unübersichtlich und schmal. Genau zu diesem Zeitpunkt setzt heftiger Regen mit Blitz und Donner ein.
Bald kommen reissende Bäche von den Bergflanken und durchqueren meinen ohnehin glitschigen Weg. Die Situation ist sehr
gefährlich, und ich warte an einem sicheren und stabilen Ort, bis sich die Lage beruhigt. Mein Regenponcho konnte diesem
Naturereignis jedoch nicht standhalten, und ich bin durchnässt bis auf die Haut und schlottere vor Kälte. Zudem stehe ich
in einem knöcheltiefen Tümpel. Zum Glück ist das Wasser im Río Quirusilas nach einer kurzen Wartezeit etwas zurückgegangen, sodass ich den Aufstieg aus
der Schlucht in Angriff nehmen kann. Doch schon bald kehrt die Sintflut zurück, und stürmische Windböen peitschen durch
die Schlucht, sodass ich mich kaum aufrecht halten kann. Später zieht dichter Nebel auf, sodass ich den ohnehin kaum
sichtbaren Weg immer wieder aus dem Blickfeld verliere. Dazu schmerzen meine steifgefrorenen Finger, die ich im stürmischen
Wind nicht warmhalten kann. Es ist bereits Nachmittag, als ich endlich wieder offenes Gelände erreiche. Das heftige Gewitter
hat sich mehr und mehr aufgelöst, und schon bald kann ich die Häuser der Hacienda Malcastaca erkennen. Von dort führt eine
halbwegs befahrbare Strasse hinunter nach Camargo. Ausnahmsweise freue ich mich darauf, möglichst schnell ins deutlich wärmere
Tal zu gelangen. ![]() Blick von der Hacienda Malcastaca ins Tal von Camargo Der weitere Abstieg führt abwechslungsweise durch farbige Felslandschaften und roten Sandsteinhügeln mit spärlicher Vegetation,
und immer wieder gibt es herrliche Blicke ins Camargo Tal. In etwas tieferen Lagen, wo das Klima angenehmer ist, mache ich
zum ersten Mal Pause und verschlinge meinen letzten Schokoriegel. Irgendwie kann ich es nicht glauben, dass meine Reise nach
21 Tagen Strapazen jetzt nach wenigen Kilometern zu Ende sein soll. Ja, ich bin glücklich und ein wenig stolz darauf, es
geschafft zu haben. Langsam wird mir bewusst, dass vieles möglich ist, wenn man gewillt ist, die Wildheit unberührter Natur zu schätzen und
zu lieben und Freude daran hat, die Schönheiten auch im Kleinen zu entdecken. ![]() ![]() Im kargen Tal von Camargo Es dämmerte bereits, als ich nach zwölf Stunden Strapazen todmüde in Camargo ankam. An der Bushaltestelle erfuhr
ich, dass der Bus nach Tarija in wenigen Minuten abfahren würde - was für ein Zufall. Nachdem ich am Kiosk einige
Bananen gekauft hatte, sass ich bereits im komfortablen Bus, und los ging's in Richtung Tarija. Trotz des schlechten Zustands der Schotterstrasse und des lauten Geschreis der Kinder, bin ich für einige Stunden
eingeschlafen. Erst als der Bus für eine Essenspause anhielt und die Frauen an den Fenstern lautstark ihre
bolivianischen Fast-Food-Gerichte anboten, wachte ich auf. Nach dem Abendessen waren die Passagiere müde und
schliefen. Erst kurz vor Tarija, nach sieben Stunden Fahrt, wurde es wieder laut und hektisch. Beim Aussteigen
gab mir ein Mann noch einen Tipp: Ich könne im nahegelegenen Hotel Martinez übernachten, es sei gut und nicht
sehr teuer. Die junge Frau an der Rezeption war nicht sonderlich überrascht, dass noch Gäste kamen, wenn der
letzte Bus aus dem Norden ankommt. Sie war eher überrascht, einen ziemlich schmutzigen und verwahrlosten Gringo
vor sich zu haben. Tarija, Sonntag, 18. Dezember, 21 Tag Zugegeben, nach 21 Tagen in der Wildnis unter einer warmen Dusche zu stehen und sich am Frühstückstisch verwöhnen
zu lassen, ist fast so schön wie draussen in unberührter Natur zu sein, aber sicher nicht so spannend. Da heute
Sonntag ist, sind die Büros der Airlines geschlossen. Mit dem Taxi fahre ich zum Flughafen und frage dort bei
Lloyd Aéreo Boliviano nach einem Flug für heute nach La Paz. Es gibt erst morgen wieder einen Flug, wird mir gesagt.
Ich soll mich morgen in der Stadt beim Büro der Airline erkundigen. Bei Aero Sur gäbe es einen Flug, aber keinen Platz.
So geniesse ich draussen unter den Schattenbäumen einer Pizzeria an der Plaza de Armas im Zentrum die langersehnte
Pizza Margherita und das bunte Treiben der verschiedenen Menschen. Ihre Kultur, insbesondere die Musik und die Kleidung,
entspricht der von Nordargentinien. Wie an vielen Orten ist auch hier zu sehen, dass Weihnachten vor der Tür steht. Die
Häuser und Bäume sind mit Weihnachtsschmuck und farbigen Lichtern dekoriert, ähnlich wie bei uns zu Hause. Bevor ich mich ins Hotel zurückziehe, versuche ich in der Telefonzentrale eine Verbindung nach Hause zu bekommen.
Grosse Freude herrscht, als es auf Anhieb klappt und ich Dora berichten kann, dass ich pünktlich zu Weihnachten
zu Hause sein werde. Erst jetzt, wo ich von dieser abenteuerlichen Reise loslassen und entspannen kann, macht
sich die Müdigkeit so richtig bemerkbar. Gleichzeitig spüre ich Zufriedenheit und Dankbarkeit, dieses Abenteuer
unbeschadet vollendet zu haben. Tarija, Montag, 19. Dezember, 22 Tag Kaum hatte das Büro der Lloyd Aéreo Boliviano geöffnet, wurde ich von einer netten jungen Dame bedient, die mir sagte,
dass ich Glück hätte und es noch einen Platz für die 17-Uhr-Maschine nach La Paz gäbe. Das hat mich sehr gefreut, und
ich packte gemütlich meine Sachen im Hotel, schrieb noch eine Weile Tagebuch und fuhr anschliessend mit dem Taxi zum
Flughafen, um einzuchecken. Das Warten auf einem Flughafen ist immer langweilig, vor allem wenn er fast ausgestorben
ist wie hier. Immerhin hatte das Restaurant geöffnet, wo ich etwas essen und meine Erlebnisse niederschreiben konnte.
Später wurden auf der Infotafel laufend Flüge angezeigt, aber meiner nach La Paz war nicht dabei. Schliesslich kam eine
Durchsage, dass mein Flug Verspätung hätte. Es war bereits 20 Uhr, als eine Boeing 727 landete und auf der Infotafel
"Boarding nach La Paz" stand. Beim Einsteigen liefen die Triebwerke immer noch, und bald rollten wir zur Startbahn.
Nach einer Stunde Flug landeten wir bereits in El Alto-La Paz, wo ich mit dem Taxi zum Hotel Oberland nach Mallasa
fuhr. Ernesto und Walter, die an der Bar sassen und mit anderen Gästen plauderten, waren überrascht von meiner späten Rückkehr
aus Tarija. Wie schon bei meiner Ankunft bekam ich von Ernesto wieder das grosse Zimmer mit Blick auf die Berge. Mallasa, Dienstag, 20. Dezember, 23 Tag Der heutige und zweitletzte Tag meiner Reise beginnt gemütlich, und ich geniesse das reichhaltige Frühstücksbuffet mit
verschiedenen Brotsorten, Früchten und Säften. Walter leistet mir dabei Gesellschaft und erzählt mir, dass er das Hotel
Oberland von Ernesto, dem Erbauer und Besitzer, gekauft hat. Ernesto hat kürzlich eine Schweizer Metzgerei eröffnet und
mich gebeten, heute vorbeizukommen, was ich am Nachmittag auch getan habe. Seine Metzgerei befindet sich in einer
Seitengasse nahe dem Zentrum. Die altmodischen Wurstmaschinen hat er aus der Schweiz importiert und dazu auch noch
einen guten Freund, der das Metzgerhandwerk gelernt hat. Ich habe die Cervelats probiert, und sie schmecken wie unsere
zu Hause. Später hat Ernesto mich in ein gutes brasilianisches Restaurant eingeladen. Hier kann man für 10 US-Dollar so
viel Fleisch, Gemüse und Früchte essen, wie man möchte, und das Dessert ist auch dabei. Da ich auf meiner Reise ziemlich
viel Gewicht verloren habe, war mein Hunger entsprechend gross, was vom Servierpersonal fast als unanständig empfunden
wurde. Es war Abend geworden, als Ernesto sagte, er hätte sich mit Freunden in der Bar im Schweizer Restaurant verabredet und
fragte, ob ich Lust hätte mitzukommen. So kam es, dass ich weitere Bekanntschaften mit Schweizern machte, die hier leben.
Es gab viel zu erzählen, und so verbrachten wir einen feuchtfröhlichen Abend bis spät in die Nacht. Mallasa, Mittwoch, 21. Dezember, 24 Tag Heute ist mein letzter Tag in Bolivien und fahre deshalb nochmals ins Zentrum von La Paz um bei Lloyd Aéreo Boliviano
meinen morgigen Flug zu bestätigen. An der Plaza San Francisco wo es in den Gassen alles Mögliche zu kaufen gibt, schaue
ich nach einigen wenigen Weihnachtsgeschenken. Zurück im Hotel Oberland, lerne ich den Schweizer Jörg kennen. Er ist
Architekt und hat Ernesto geholfen das Hotel Oberland zu bauen. Aber er ist auch spezialisiert im Bau von Hängebrücken
und hat in den Jungas bereits einige davon gebaut. Jörg hat mich danach eingeladen in seinem neu gebauten Haus weit
oberhalb von Mallasa, mit Blick auf den mächtigen Nevada Illimani. Wir Grillten draussen auf offenem Feuer und erzählten
uns Geschichten aus unserem Leben. Mallasa, Donnerstag, 22. Dezember, 25 Tag Mein Flug nach Hause ist erst am Nachmittag, also kann ich noch gemütlich frühstücken und Postkarten schreiben. Walter gesellt
sich zu mir und nimmt mich später mit zur Metzgerei von Ernesto nach La Paz, wo ich mich von ihnen verabschiede. Beim
Schweizer Bäcker, ganz in der Nähe, kaufe ich mir noch Apfelkuchen, die es nur hier gibt, und fahre dann mit dem Taxi
zum Flughafen. Hier gibt es einen Briefkasten für meine Postkarten, und mit dem wenigen Geld, das übrigblieb, kaufe ich am Kiosk Süssigkeiten.
Pünktlich um 14 Uhr gestartet, fliegen wir kurz danach bei traumhaftem Wetter über den Lago Titicaca nach Norden mit Blick
auf die Königskordillere. Nach einer Zwischenlandung in Lima geht es weiter nach Bogotá und Caracas. Danach Anschlussflug
mit dem Jumbo der Lufthansa nach Frankfurt und weiter nach Zürich. Wie man sich danach fühlt, brauche ich nicht zu sagen.
Was ich jedoch sagen kann, ist, dass ich glücklich bin, wieder zu Hause zu sein und Dora bei der Ankunft zu umarmen. Literatur:
Erstbeschreibungen von HJ-Kakteen, Bolivien 1994 Aylostera:
Diers, L. (2017): Aylostera juckeri spec. nov. Succulenta 96 (2): 61-70
Diers, L. & Jucker, H. (2022): Aylostera berchtiana sp. nov. Und Aylostera berchtiana var. splendida var. nov. Succulenta 101: 172-185
Lobivia:
Diers, L. & Jucker, H. (2015b): Lobivia tiegeliana var. borealis var. nov. Echinopseen 12 (2): 57-68
Parodia:
Diers, L. (2014): Parodia juckeri Diers spec. nov. Succulenta 93 (3): 108-117
Diers, L. & Jucker, H. (2017b): Parodia juckeri var. australis var. nov und Parodia juckeri var. boralis var. nov. Succulenta 69 (4): 157-170.
Sulcorebutia:
Gertel, W. & Jucker, H. (2004): Sulcorebutia camargoensis (cactaceae) - eine neue Art aus der Umgebung von Camargo, Bolivien. Kakt. and. Sukk. 55 (4): 85-92
Gertel, W. & Jucker, H, & de Vries, J.(2006b): Sulcorebutia azurduyensis (Cactaceae) - eine neue Art aus der Umgebung von Azurduy, Bolvien. Kakt. and. Sukk. 57 (9): 239.247.
Zur Literatur
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