Bolivien - Jucker - Kakteen      

 
 











Feldarbeit
Etappe 13

Azurduy - Camargo
November, Dezember 1994

Alle Bilder in dieser Etappe wurden ausser den Kulturfotos ab Dias digitalisiert.
Teufen - Donnerstag, 24. November

Wegstrecke von Azurduy nach Camargo

Im Jahr 1993 wanderte ich von Zudañez entlang der Cordillera Mandinga nach Azurduy (siehe Etappe 9), mit dem Ziel, meine Reise von dort bis nach Camargo fortzusetzen. Doch die zahlreichen schwer zugänglichen Seitentäler erschwerten das Vorankommen, sodass ich es nur bis nach Azurduy schaffte. Mein damaliges Ziel war es, herauszufinden, ob es eine durchgehende Verbindung von den nördlichen zu den südlichen Sulcorebutien gibt. Diese Frage konnte bis zu diesem Zeitpunkt nicht geklärt werden. Diese Ungewissheit liess mir keine Ruhe, und so beschloss ich 1994, meine Reise fortzusetzen und wanderte von Azurduy weiter nach Süden bis nach Camargo.

Es ist früh am Morgen und der Flughafen scheint noch zu schlafen, als ich vor dem Check-in-Schalter stand und meinen Rucksack auf die Waage legte. Erschrocken stellte ich fest, dass die Gewichtsanzeige nicht wie erwartet 30 kg, sondern 33,8 kg anzeigte. Doch die freundliche junge Dame am Schalter hatte offenbar einen guten Tag und sagte, das sei in Ordnung, da ich nur wenig Handgepäck dabeihabe. Dora begleitet mich noch bis zur Zollabfertigung. Der Zöllner wollte bereits die breite Schwenktüre für Dora im Rollstuhl öffnen, da er dachte, sie käme mit auf die Reise. Das wäre noch so schön gewesen. Stattdessen gab es einen schmerzlichen Abschied für einen ganzen Monat.

Wir starten bei dichtem Nebel, doch darüber erleuchten die Alpen im zarten Morgenrot. Als die Flugbegleiterin mir Kaffee bringen wollte, verschüttete sie ihn auf die Hose meines Nachbarn. Der Geschäftsmann, der in Frankfurt an einer Sitzung teilnehmen sollte, war darüber nicht glücklich. Nach einem kurzen Flug und dichtem Nebel landet die Boeing 737 sicher in Frankfurt.

Um die Mittagszeit sitze ich bereits in einem Lufthansa-Jumbo am Fenster und geniesse das Mittagessen über den Wolken, während wir in Richtung Caracas unterwegs sind. Nach über neun Stunden Flug und einem kurzen Aufenthalt am Flughafen von La Guaira geht es weiter mit Lloyd Aéreo Boliviano nach Bogotá und von dort weiter nach Lima und La Paz, meiner Endstation nach bald 20 Stunden Reisen.

Danach bringt mich ein Taxi nach Mallasa ins Hotel Oberland wo mich der Nachtportier bereits erwartet.




Mallasa - Freitag, 25. November

Es ist noch sehr früh am Morgen, als ich mit Ernesto frühstücke. Er ist der Inhaber des Hotels und ein langjähriger Freund. Viel Zeit, um über Gott und die Welt zu plaudern, habe ich nicht, denn um 9:30 Uhr fliege ich bereits weiter nach Sucre. Wie schon bei meiner letzten Bolivienreise kann ich mein Handgepäck mit den Sachen für die Rückreise bei Ernesto deponieren. Sicher in Sucre angekommen, bekomme ich ein schönes Zimmer im Hotel Santa Cruz. Im Zentrum, wo sich das Instituto Geográfico Militar befindet, frage ich nach Landkarten im Massstab 1:50.000, die ich für meine Wanderung von Azurduy nach Camargo brauche. Ich war erstaunt, dass alle Karten verfügbar waren. Ausserdem konnte ich erfahren, wo und wann der Lastwagen morgen nach Azurduy fährt. Seit meiner Rückreise mit dem Lastwagen von Azurduy nach Sucre im Jahr 1993 wusste ich, dass diese Strecke nur von einem Lastwagen und nur an den Wochenenden befahren wird. Mehr Infos über Sucre siehe Etappe 7




Sucre - Samstag, 26. November

Es ist 5:00 Uhr morgens, als der Nachtwächter an meine Tür klopft. Bestimmt hätte ich sonst verschlafen, denn die Anreise und die Zeitverschiebung haben mich ziemlich strapaziert. Noch ist es zu früh um zu Frühstücken, also packe ich meine Sachen zusammen und fahre mit dem Taxi zu dem Ort, an dem der Lastwagen nach Azurduy abfährt. Dort wird bereits Gepäck auf die Ladefläche des Volvo-Lastwagens verladen, und es sieht aus, als ob jemand umziehen würde. So befinden sich auch Möbelstücke darunter, wie Stühle und ein Bett, sowie viele Dinge, die bei uns wohl auf der Müllabfuhr landen würden. Aber auch Baumaterialien wie Zement- und Gipssäcke und sogar ein Sarg für eine Bestattung irgendwo. Danach suchen sich die Passagiere irgendwo auf diesem Gerümpel eine Sitzgelegenheit, auch ich, doch die besten Plätze sind schnell besetzt. Es ist immer noch früh am Morgen, als wir Tarabuco erreichen und dort bei der Plaza in einem Restaurant frühstücken. Weiter geht die Fahrt auf holpriger Schotterpiste hinunter ins Tal von Icla.

Lastwagenfahrt nach Azurduy, Region von Icla

Von dort führt die Strasse nach Osten in steilen Serpentinen hinauf auf die Cordillera Mandinga. Erinnerungen werden wach, denn auf diesem Teilstück hatte ich 1993 auf meiner Wanderung nach Azurduy unter Wassermangel gelitten. Für lange Zeit verlief die Fahrt ohne Probleme. Lediglich das windige und kalte Klima auf 4000 Metern machte uns, insbesondere den Frauen und Kindern, zu schaffen. Doch weiter südlich hatten heftige Gewitter die Strasse teilweise in kleine schlammige Seen verwandelt, und wir blieben des Öfteren darin stecken. Mit Hilfe von grossen Steinen schafften es die Männer an Bord immer wieder, den Lastwagen aus den misslichen Lagen zu befreien.

Schwierige Strassenverhältnisse auf der Cordillera Mandinga

Aufgrund der prekären Strassenverhältnisse erreichen wir Tarvita erst kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Viel Gepäck wurde abgeladen, darunter auch Gipssäcke, die sich ganz hinten auf der Ladefläche befanden und auf denen ich die ganze Reise gesessen habe. Gezwungenermassen wurde ich zum Schwerstarbeiter und half, die Säcke ins nächste Gebäude zu schleppen.

Es war bereits Nacht, als wir unsere Fahrt nach Süden fortsetzten. Kurz vor Mitternacht stoppte der Lastwagen plötzlich neben der Strasse, und der Motor und das Licht gingen aus. Ich dachte, es gäbe ein mechanisches Problem. Doch der Fahrer sagte, es sei jetzt Nachtruhe und die Fahrt würde am nächsten Morgen weitergehen. Die Indios hatten sich schon seit längerem hinter der Kabine in ihre Ponchos und Decken verkrochen. Ich hingegen sass etwas hilflos auf diesem Berg von Gerümpel auf der Ladefläche und wusste nicht, wo und wie ich etwas Schlaf finden könnte. Neben dem Lastwagen wollte ich nicht schlafen, da dieser am Morgen möglicherweise ohne mich losfahren würde. Nach längerem Sitzen in der Kälte kam mir eine etwas makabre Idee: Vielleicht könnte ich in dem Sarg neben mir schlafen, wenn er nicht besetzt ist. Ich drehte also vorsichtig die Handschrauben vom Deckel und beim Öffnen sah ich, dass das Innere leer und schön gepolstert war. Leider passte die Grösse nicht ganz, sodass meine Füsse aus der Kiste ragten, aber ansonsten war es recht bequem und mit dem Schlafsack oben drauf kuschelig warm.




Auf dem Lastwagen zwischen Tarvita und Azurduy - Sonntag, 27. November, Camp 1 Tag

Es war in der Dämmerung, als der Fahrer unerwartet früh morgens den Motor startete. Er liess den Diesel-Motor nicht warmlaufen, wie es sonst üblich ist, sondern fuhr sofort los. Alles ging sehr schnell, und mir fehlte die Zeit, aus dem Sarg zu steigen. Als ich es fast geschafft hatte, verlor ich das Gleichgewicht und stürzte mit dem Sarg kopfüber auf die leergeräumte hintere Ladefläche. Beim Abladen der Gipssäcke in Tarvita war der Boden wegen einiger aufgeplatzter Säcke mit einer dicken Gips-Schicht bedeckt. So war ich von oben bis unten weiss pulverisiert, blieb jedoch zum Glück unverletzt. Als ich wieder hochstieg und die Indios hinter der Fahrerkabine meine weisse Gestalt erblickten, schrien einige panisch, und ein Mann wollte sogar über Bord springen. Die Leute dachten vermutlich, ich sei ein Geist oder von den Toten auferstanden. Die meisten Menschen vom Land gehören nicht nur dem christlichen Glauben an, sondern sind auch Schamanen und haben ihre eigene Geisterwelt.

Seit diesem Ereignis war die Stimmung an Bord etwas getrübt, und der Gringo schien nicht mehr willkommen zu sein. Ich war froh, als wir nach kurzer Fahrt Azurduy meine Endstation erreichten. Um nicht weiter aufzufallen, laufe ich in Eile durch die leeren Gassen und verlasse den Ort in Richtung Süden.

Azurduy

Wegstrecke von Azurduy nach Camargo

Völlig übermüdet und mit einem Rucksack, der sich anfühlt, als sei er mit Blei gefüllt, schleppe ich mich auf der Landstrasse durch das grüne und fruchtbare Tal von Rinconada. Später, als das Tal enger wird, entdecke ich seitlich an den Berghängen zwischen Felsen, Gras und niedrigen Büschen die ersten Aylosteras, die spec. HJ 435a. Es sind mir unbekannte Pflanzen, von denen ich auf späteren Reisen in derselben Region noch weitere Standorte lokalisieren konnte.

HJ 435a Aylostera spec.
Synonym: Aylostera HJ 1127, HJ 1128 und HJ 1134
Rinconada, 2´500 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien

HJ 435a Aylostera spec.
Kulturpflanzen: Klon 3, 4 und 7

Am selbe Ort aber in Felsritzen, oder im Moos unter Büschen wachsen auch noch Aylostera fiebrigii Formen, die HJ 436a

HJ 436a Aylostera fiebrigii fa.
Estancia Rinconada, 2´500 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien

HJ 436a Aylostera fiebrigii fa.
Kulturpflanze: Klon 1

Kurz nach der Estancia Rinconada gelange ich auf den Fussweg, der nach Süden zum Cerro Alto de los Minas führt. In einem dicht bewaldeten Gebiet, ganz in der Nähe des Río Rinconada, finde ich einen idealen Ort zum Campen.

Am Rio Rinconada, Camp 2 Tag




Rio Rinconada, Montag, 28. November, Camp 2 Tag

Als hätte man mich gestern Abend in Narkose versetzt, so tief habe ich die erste Nacht im Zelt geschlafen. Doch meine Muskeln und Gelenke schmerzen vom gestrigen Tag, und es braucht Zeit, sie wieder einigermassen in Gang zu bringen. Es war eine Sternenklare Nacht und das Geäst ist bedeckt mit Tautropfen. Vogelgezwitscher in allen Tonlagen ist zu hören, als ich gemütlich Frühstücke und Kaffee trinke. Ich bin also wieder da wovon ich lange geträumt habe, draussen in unberührter Natur und süchtig nach weiteren neuen Abenteuern.

Im lichten Wald wandere ich weiter entlang des Río Rinconada. Nebelschwaden schleichen durch das Geäst, und von den Bäumen hängen Tillandsia usneoides, während an den Stämmen verschiedene Flechtenarten haften. Auf offenem Gelände, zwischen grossen Felsen, zwängen sich Trichocereen ans Licht.

Tillandsia usneoides
Rio Rinconada, 2´550 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien

Verschiedene Flechten
Rio Rinconada, 2´550 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien

Auf steinigen Grasflächen entdecke ich blühende Austrocylindropuntia sahferi und ein Amaryllisgewächs (Hieronymiella argentina). Zudem bedecken kleine Nesselpflanzen den Boden, an deren feinen Haaren an den Blättern Tautropfen wie kleine Perlen hängen.

Austrocylindropuntia sahferi
Rio Rinconada, 2´550 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien

Amaryllisgewächs (Hieronymiella argentina)
Rio Rinconada, 2´550 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien

Nessel-Pflanze
Rio Rinconada, 2´550 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien

Schon bald führt der gut ausgebaute Weg aus dem Tal steil hinauf in die Berge. Ich nehme nur wenig Wasser vom Fluss mit, da mein Rucksack bereits das erträgliche Gewicht von 36 kg überschritten hat. Doch es ist nicht nur der Rucksack, der mir früh morgens zu schaffen macht, sondern auch die bereits stechende Äquatorsonne. Obwohl ich gut vor der Sonne geschützt bin, spüre ich bald einen leichten Sonnenbrand an Kopf und Armen. Die Bergflanken und Kuppen wechseln sich ab mit lockeren Gras- und Gesteinsschichten, und es dauert nicht lange, bis ich die ersten Sulcorebutien azurduyensis entdecke, die HJ 437. Es sind ähnliche Formen wie jene aus der Region von Azurduy, die ich 1993 gefunden habe.

HJ 437 Sulcorebutia azurduyensis
4 km südlich Rinconada, 2´700m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien

HJ 437 Sulcorebutia azurduyensis
Kulturpflanzen: Klon 1 und 5

Ich spüre deutlich, dass mein Lauftraining zu Hause in steilem Gelände seine Wirkung zeigt, denn ich komme erstaunlich flott voran und erreiche um die Mittagszeit bereits die Passhöhe. Von hier hat man einen weiten Blick nach Norden ins Tal von Rinconada. Auch hier sind die Sulcorebutia azurduyensis im lockeren Grasbewuchs zu finden.

HJ 437a Sulcorebutia azurduyensis
5 km südlich Rinconada, 3´000m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien

Der Weg verläuft nun auf gleicher Höhe nach Süden, entlang der Ostseite des Cerro Alto de las Minas, dem höchsten Berg der Region. Zum Glück sprudeln immer wieder kleine Bäche in die Täler, sodass ich genügend Wasser für die Nacht tanken kann. Am Wegrand leuchten vereinzelt rote und gelbrote Blüten zwischen den Grasbüscheln hervor. Es sind weitere Vorkommen von Sulcorebutia azurduyensis.

HJ 437b Sulcorebutia azurduyensis
Ostseite des Cerro Alto de las Minas, 6 km südlich Rinconada, 3´100m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien

Ich war erleichtert, als ich am späten Nachmittag am Südostende des Cerro Alto de las Minas endlich einen flachen Ort für das Nachtlager fand. Kaum hatte ich eine grosse Portion Tortelloni alla Carbonara und einen feinen Pouletsalat verspeist, zogen heftige Gewitter auf. Ich hatte Mühe, das Wasser vom Zelt fernzuhalten, doch ich blieb trocken.




Cerro Alto de las Minas, Dienstag, 29. November, Camp 3 Tag

Wegen der heftigen Niederschläge der letzten Nacht schleichen am Morgen noch Restwolken durch die Landschaft. Ich will den Benzinkocher in Betrieb setzen, um Kaffee zu kochen, doch er will nicht starten. Ich reinige die Düse, und sogleich klappt es. Das Problem ist das verschmutzte Benzin in Bolivien. Ich nehme es gelassen, schliesslich bin ich in den Ferien, und so frühstücke ich erst einmal gemütlich und schreibe nebenbei noch Tagebuch. In der Zwischenzeit haben die ersten Sonnenstrahlen das Zelt getrocknet. Bei klarer Sicht und schönstem Wetter wandere ich weiter entlang der steilen Berghänge des Cerro Alto de las Minas, die immer wieder durch kleine enge Täler unterbrochen sind. An der Südspitze gibt es eine schöne Überraschung: Ich entdecke weitere Vorkommen von Sulcorebutia azurduyensis, die HJ 437c.

HJ 437c Sulcorebutia azurduyensis
Cerro Moro, 2´700m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien

Nach längerem Aufenthalt an diesem interessanten und schönen Ort mit weitem Blick in die Täler führt der Weg vom Cerro Moro langsam hinunter in Richtung Río Huancarani. Kaum wieder unterwegs, entdecke ich zwischen Felsen eine weisse und dicht bedornte Aylostera, die HJ 438. Mein erster Gedanke war, es könnte sich möglicherweise um eine Form von Aylostera minuscula handeln. Untersuchungen aus Samen herangezogener Pflanzen haben jedoch gezeigt, dass es sich um eine neue Art handelt. Um das gesamte Verbreitungsgebiet dieser Aylostera zu lokalisieren, bin ich 2005 noch einmal in diese Region gereist, habe weitere Standorte entdeckt und mit der Feldnummer HJ 1176 registriert. Sie wurde 2017 von Prof. Diers in der Zeitschrift Succulenta erstbeschrieben und mit meinem Namen geehrt: Aylostera juckeri.

HJ 438 Aylostera juckeri
Cerro Moro, 2´700m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien

HJ 438 Aylostera juckeri
Kulturpflanzen: Klon 3, 4, 6, 7, 9 und 11

Ich habe heute viel Zeit verbracht mit den Kakteen und bin trotzdem gut vorangekommen. Da es ganz in der Nähe einen schönen, flachen Ort zum Campen gibt, bin ich geblieben. Leider habe ich vergeblich nach Wasser gesucht und muss die Nacht und vielleicht auch länger mit einem halben Liter auskommen.




Cerro Moro, Mittwoch, 30. November, Camp 4 Tag

Nach langem Abwärtswandern wird die Luft zunehmend würzig und feucht-warm. Bald stehe ich in einem frischgrünen, alten Akazienwald. Die Äste sind geschmückt mit Tillandsia usneoides, und vereinzelt haben sich Rhipsalis floccosa ssp. tucumanensis in den Astgabeln angesiedelt, deren verästelte, runde Triebe frei in der Luft hängen. Als die Sonne am Horizont die ersten Strahlen in den Wald zauberte, verwandelte sie ihn in ein spektakuläres Licht- und Schattenspiel.

Akazienwald, Hülsenfrüchtler (Fabaceae)
Abstieg vom Cerro Moro zum Rio Huancarani

Rhipsalis floccosa ssp. tucumanensis
Südlich Cerro Moro, 2´200 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien

Da ich dringend Wasser brauche, nehme ich den etwas schlechteren Weg in die Quebrada Pinos, ein Seitental des Río Huancarani. Dort gab es reichlich frisches Wasser, und vor Freude habe ich in einem kleinen, kühlen Pool geplanscht wie ein Kind. Ein reichhaltiges Frühstück unter schattigen Akazien aktiviert meine Lebensgeister wieder, und ich erfreue mich an der unberührten Natur. Ich entscheide mich, der Quebrada Pinos zu folgen, um zum Río Huancarani zu gelangen. Das ist kein leichter Spaziergang, wie ich bald feststellen muss. Abgesehen von der heissen, stechenden Sonne um die Mittagszeit, muss ich immer wieder das von grossen Felsbrocken belegte Bachbett durchqueren, was sehr schwierig und manchmal auch gefährlich ist.

Quebrada Pinos

Sollte ich hier unverhofft stürzen und mich verletzen, würde mich hier vermutlich niemand suchen. Ich bin jetzt bereits den dritten Tag unterwegs und bin noch keinem Menschen begegnet. Unerwartet wird die Quebrada so eng, dass ich kaum noch gehen kann, und dann plötzlich stehe ich unerwartet völlig durchgeschwitzt und dreckig im Kiesbett des Río Huancarani, der wenig Wasser führt. Was für eine Freude! Es scheint, als ob ich hier unten in diesem engen Tal, eingemauert von Felswänden und üppiger Vegetation, in eine mir völlig unbekannte Welt eingetaucht bin. Und jetzt kribbelt es mir im Bauch, all die Neuigkeiten hier zu erforschen.

Als ich mich langsam auf ausgewaschenen Flusssteinen talwärts bewege, entdecke ich an den steilen Bergflanken unter niedrigen Büschen und zwischen Felsen altbekannte Kakteen. Es sind Gymnocalycium pflanzii, die im südlichen Bolivien weit verbreitet sind.

HJ 440 Gymnocalycium pflanzii
Rio Huancarani, 1´200 m-1´600 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien

HJ 440 Gymnocalycium pflanzii
Kulturpflanzen: Klon 3 x 1 und 2

An den steilen Felswänden, vor allem auf der Westseite des Tales, wo es nur wenige Stunden Morgensonne gibt, entdecke ich zu meiner Freude grosse Gruppen von Kakteen. Die Pflanzen erinnern mich ein wenig an das soeben entdeckte Gymnocalycium pflanzii. Doch diese Pflanzen sprossen stark und die Früchte im Scheitelbereich sind kleiner. Als ich später einige blühende Jungpflanzen entdecke, wird klar, dass es sich um eine mir unbekannte Weingartia handelt, die HJ 441. Langjährige Untersuchungen aus Samen herangezogener Pflanzen haben gezeigt, dass es sich um eine neue Art handelt. Um das gesamte Verbreitungsgebiet dieser Weingartia zu lokalisieren, bin ich 2005 noch einmal in dieses Tal gewandert. Dabei habe ich festgestellt, dass die Pflanzen nur im Tal des Río Huancarani, auf 1100 m bis auf 1600 m flussaufwärts beheimatet sind. Die Pflanze wurde 2007 im Gymnocalycium, erstbeschrieben als Weingartia frey-juckeri. Siehe auch unter Jucker Literatur.

Es gibt noch eine weitere Überraschung in dieser feucht-heissen Quebrada: An den Steilhängen, meist etwas schattiert unter Büschen, wachsen überwiegend sehr grosse, mehrköpfige Polster von Parodien, die HJ 442. Parodien zu bestimmen ist für mich schwierig, da ich mich zu wenig mit diesen Pflanzen beschäftigt habe. Die aus Samen herangezogenen Pflanzen wurden über Jahre hinweg von mir und Prof. Dr. Diers, beobachtet und untersucht. Es hat sich gezeigt, dass es sich um eine neue Art handelt. Sie wurde 2014 von Prof. Dr. Diers in der Zeitschrift Succulenta erstbeschrieben und mit meinem Namen geehrt: Parodia juckeri.

HJ 441 Weingartia frey-juckeri
Im Tal des Rio Huancarani, 1´200 m-1600 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien

HJ 441 Weingartia frey-juckeri
Kulturpflanzen: Klon 1, 2, 3, 4, 9 und 34

Am späten Nachmittag torkle ich ziemlich erschöpft an einem kompakten Felsband vorbei in Richtung Mündungsgebiet des Río Pilcomayo. Meine Erwartungen bezüglich Kakteen sind längst übertroffen worden, als ich dort in Felsritzen, wie angeklebt, grosse Polster von vielstämmigen, kleinköpfigen Blossfeldia entdeckte, die teilweise lange Sprossketten bilden, die HJ 443. Eine solch extreme Wuchsform von Blossfeldias habe ich auf meinen vielen Reisen in Bolivien noch nie gesehen.

HJ 442 Parodia juckeri
Im Tal des Rio Huancarani, 1´200 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien

HJ 442 Parodia juckeri
Kulturpflanzen: Klon 1 und 2

Am späten Nachmittag torkle ich ziemlich erschöpft an einem kompakten Felsband vorbei in Richtung Mündungsgebiet des Río Pilcomayo. Meine Erwartungen bezüglich Kakteen sind längst übertroffen worden, als ich dort in Felsritzen, wie angeklebt, grosse Polster von vielstämmigen, kleinköpfigen Blossfeldia entdeckte, die teilweise lange Sprossketten bilden, die HJ 443. Eine solch extreme Wuchsform von Blossfeldias habe ich auf meinen vielen Reisen in Bolivien noch nie gesehen.

HJ 443 Blossfeldia minima
Im Tal des Rio Huancarani, 1´150 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien

Kulturpflanzen: HJ 443 Blossfeldia minima

Ich bin erleichtert, als ich kurz vor der Mündung in den Río Pilcomayo in einem stacheligen Wäldchen einen schönen Ort für die Nacht finde. Obwohl ich bei schwülen 38° zum Umfallen müde bin, mache ich noch einen Rundgang. Im Geäst klammert sich eine Tillandsia xiphioides mit duftend weisser Blüte fest, und daneben rankt ein Cereus comerapanus nach Licht. Beim genaueren Hinschauen in ein stacheliges Gestrüpp entdecke ich eine kleine magentafarbene Blüte. Sie gehört zu einer wildverzweigten Pereskia diaz-romeroana.

Tillandsia xiphioides
Im Tal des Rio Huancarani, 1´150 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien

Pereskia diaz-romeroana
Im Tal des Rio Huancarani, 1´150 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Azurduy, Bolivien




Am Rio Huancarani, Donnerstag, 01. Dezember, Camp 5 Tag

Die Nacht im Zelt war etwa so, als hätte ich versucht, in einer von stechwütigen Mücken gefüllten Sauna zu schlafen, bei fast 30° innen wie auch draussen. So habe ich mich schweissgebadet, ohne den ersehnten Schlaf, die ganze Nacht mit diesen stechenden Biestern herumgequält. Etwas Abkühlung brachte lediglich das badewannenwarme Wasser im nahegelegenen Río Huancarani.

Die Sterne leuchten noch hell, als ich meine bescheidenen Habseligkeiten zusammenpacke und weiter talwärts wandere. Als ich frühmorgens die Mündung erreiche und am schlammigen Ufer des Río Pilcomayo stehe, wirkt die Sonne bereits wie ein Brennglas. Was mir allerdings mehr Sorgen bereitet, ist die starke Strömung des etwa 50 Meter breiten Flusses, der hier die Grenze zwischen den beiden Provinzen Azurduy und Nor Cinti im Departamento Chuquisaca bildet.

Am Rio Pilcomayo

Nachdem ich sehen konnte, wo mein Weg auf der anderen Flussseite vermutlich weitergehen könnte, flüchte ich zurück ans bewaldete Ufer in den Schatten, studiere die Landkarte und Frühstücke erst einmal gemütlich. Sollte es mir gelingen den Fluss zu durchqueren, muss ich gemäss Karte etwa 5 km flussaufwärts, bevor der Weg wieder in ein enges Tal in Richtung Süden in die Berge führt. Um herauszufinden, ob es überhaupt möglich ist, den Fluss zu durchqueren, versuche ich es ohne Gepäck. Dabei suche ich mir am Ufer eine Stelle aus, wo die Strömung nicht so stark ist. Kaum war ich im trüb-warmen Wasser, verlor ich den Boden unter den Füssen und wurde von der Strömung erfasst und flussabwärts getrieben. Es ist nicht so, dass mir das viel Angst gemacht hätte, denn ich gehe zu Hause oft im Rhein in der Strömung schwimmen. Deshalb schaffte ich es auch problemlos wieder ans Ufer. Doch ich habe einen gut 32 kg schweren Rucksack, den ich über den Fluss bringen muss, und das macht mir schon ein wenig Kopfschmerzen.

Ich versuche es erneut an einer breiteren Stelle flussaufwärts. Dabei reicht mir das Wasser auf halber Strecke bis zum Bauchnabel, aber ich kann die Balance in der Strömung einigermassen halten. Doch das Risiko, von der Strömung weggetrieben zu werden, ist gross, und deshalb muss das Gepäck vor Nässe geschützt und in grossen Plastiksäcken transportiert werden, die ich mitgenommen habe. Am Ufer an der prallen Mittagssonne, beim Einpacken meiner Utensilien auf glühend heissem Sand, muss ich die Füsse wegen Verbrennungsgefahr immer wieder im Wasser kühlen. Wegen der Strömung kollern mir beim Überqueren dauernd grössere Steine auf die Füsse, und ich schreie vor Schmerz in die stille Landschaft. Dazu ist es schwierig, die nicht sichtbaren grossen Steine im trüben Wasser zu umgehen.

Nach dreimaligem Überqueren gibt es ein Jauchzer: Ich habe es geschafft und mache unter einer grossen Akazie eine längere Mittagspause mit Siesta-Schläfchen bei 38°.

Ort der Durquerung des Rio Pilcomayo und Mittagspause unter Akazie

Der Fluss fliesst hier für längere Zeit an einem vorgelagerten Hügel mit steilen Felsklippen entlang, sodass mein Weg 200 Höhenmeter aufsteigt und später wieder zurück ins Flussbett führt. Ich brauche jetzt den inneren Schweinehund, um in der prallen Sonne auf diesen Sattel hochzusteigen, wo es kaum Schatten gibt. Dennoch nehme ich mir die Zeit, um eine Gruppe von Echinopseen genauer zu betrachten, die HJ 445. Der Blütenrest auf der Frucht deutet auf eine langröhrige Blüte hin, und das Aussehen des Habitus erinnert mich ein wenig an eine Lobivia aurea aus Argentinien. Ich kann die Pflanzen jedoch bei keinen mir bekannten Echinopseen einordnen. Leider waren die Samen in der gesammelten Frucht nicht ausgereift, sodass die Aussaat nicht erfolgreich war. Eine andere mir bekannte Pflanze, die hier zu finden ist und das heisse Klima mag, ist die Harrisia tetracantha.

HJ 445 Echinopsis spec.
Rio Pilcomayo, 1´250 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Harrisia tetracantha
mit halboffener Blüte, Rio Pilcomayo, 1´250 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Wie schön wäre es gewesen, wenn ich von hier weiter in die Berge hätte wandern können, doch stattdessen geht es wieder hinunter in die noch heissere Steinwüste am Río Pilcomayo. Beim Abstieg durch den stacheligen, lockeren Wald wachsen vereinzelt beeindruckende und mächtige Gruppen von Neoraimondia herzogiana, die bis zu 10 Meter hoch in den tiefblauen Himmel ragen.

Neoraimondia herzogiana
Rio Pilcomayo, 1´250 m-1´400 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Am selben Ort wächst auch die strauchartige Quiabentia verticillata mit seinen spatelförmigen Blättern und zahlreichen langen Dornen. Diese Pflanze ist vor allem im Gran-Chaco von Bolivien und Argentinien beheimatet.

Quiabentia verticillata
Rio Pilcomayo, 1´250 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Unten im Flussbett angekommen, flimmert die heisse Luft über den Steinen, und kleine Windrosen saugen trockenen Sand in die Höhe und verteilen ihn im Tal. Die Sicht ist stark eingeschränkt, und von den starken thermischen Winden werde ich regelrecht sandgestrahlt. Ich schütze mich vor dieser Naturgewalt so gut es geht und knöpfe mir den Schweisslappen vors Gesicht. Ich mag es abenteuerlich, doch hier hört der Spass auf, und ich mache mich auf die Suche nach einem geeigneten Nachtlager. Etwas erhöht und geschützt in Ufernähe werde ich fündig, muss aber wohl oder übel das schlammige und trübe Wasser aus dem Fluss nehmen, um Tee und Abendessen zu kochen. Bis tief in die Nacht sitze ich draussen in diesem Glutofen und hoffe, es würde ein wenig abkühlen, doch das Thermometer bleibt bei 33°C stehen.

Am Rio Pilcomayo, Camp 6 Tag




Am Rio Pilcomayo, Freitag, 02. Dezember, Camp 6 Tag

Die Strapazen vom gestrigen Tag waren wie ein K.O.-Schlag. Doch dank dieser Erschöpfung konnte ich für ein paar Stunden schlafen, obwohl ich im Schweisse gebadet war. Trotzdem glaube ich, dass es vorerst kein guter Tag wird, denn bereits am Ende dieser langen, flachen und steinigen Ebene stösst der Fluss wieder an steile Felsen, und ich muss erneut über den Fluss - und wegen des schweren Gepäcks gleich dreimal. Doch wie ich sehen kann, ist der Wasserstand etwas zurückgegangen. An den Schlammspuren erkenne ich, dass der Wasserstand vor wenigen Tagen noch etwa einen Meter höher war als jetzt. Deshalb muss ich das Ganze auch positiv sehen, denn würde der Fluss jetzt wieder ansteigen, was schnell passieren kann, wäre ich möglicherweise für Tage in dieser Hölle gefangen und blockiert.

Zweite Überquerung des Rio Pilcomayo

Als ob ich es geahnt hätte. Schon bald wiederholt sich das gehasste Prozedere, und ich bin gar nicht stolz darauf - oder vielleicht doch -, es geschafft zu haben, den Fluss unfreiwillig insgesamt 23-mal durchquert zu haben. Obwohl ich beim Durchqueren immer Socken getragen habe, sind die meisten Zehen blau und aufgeschürft von den Steinen, die über sie hinweggerollt sind, und der Schmerz beim Laufen ist deutlich spürbar. Ich bin nun gespannt darauf, ob ich bei der nächsten Flussschleife den langersehnten Weg finde, der laut Landkarte irgendwo in einem ausgetrockneten Bachbett wieder hoch in die Berge führt.

Dann plötzlich, irgendwann am Morgen ein deutlich hörbarer Jauchzer: Ich habe den Weg gefunden, der beim Eingang ins Bachbett von Sträuchern zugewachsen ist. Ich bin sehr glücklich, meine Reise wieder in gewohnten Bahnen fortzusetzen. Doch für den Aufstieg brauche ich genügend frisches Trinkwasser, und weil etwas weiter flussaufwärts der Río Huajlaya in den Río Pilcomayo mündet, versuche ich dort mein Glück. Und tatsächlich führt dieser genügend frisches und klares Wasser, so viel, dass ich in einem kleinen Pool herumplanschen kann und endlich meine braune Schlammschicht am Körper loswerde - bei Badewannentemperatur, versteht sich.

Ein letzter Blick ins Tal des Rio Pilcomayo, bevor es wieder in die Berge geht

Erfrischt und voller Tatendrang nehme ich den Aufstieg am frühen Nachmittag in Angriff, in der Hoffnung, die Nacht in einem angenehmeren Klima verbringen zu können. Doch bereits zu Beginn stelle ich fest, dass das kein Zuckerschlecken ist bei diesem unmenschlichen Klima. Zudem blockieren viel totes Holz, grosse Baumstrünke und umgefallene Bäume den Weg im Bachbett, ein Hinweis darauf, dass hier nur wenige Menschen unterwegs sind.

Aufstieg vom Rio Pilcomayo zum Cerro Lajas

Später gelange ich auf einen Gebirgskamm, wo der Weg besser wird, und ich komme gut voran. In diesem bewaldeten Gebiet wachsen verschiedene Cereus-Arten, und auch das Gymnocalycium pflanzii ist immer wieder zu sehen. Aber auch Singvögel sind zu hören, vor allem das laute Geschrei verschiedener Papageienarten. Einige sind so gross wie Aras. Nach tausend Höhenmetern Aufstieg, wo der Weg ein Stück weit flacher und breiter wird, entscheide ich, das Camp für die Nacht einzurichten. Von hier hat man einen weiten Blick nach Norden über das Tal des Río Pilcomayo bis hin zum Co. Alto de las Minas, wo ich hergekommen bin.

Blick nach Norden ins Tal des Rio Pilcomayo, mit Camp 7 Tag, nähe Cerro Lajas.

Plötzlich höre ich jemanden "buenas tardes, amigo" rufen. Ich bin überrascht und fast etwas erschrocken, nach so vielen Tagen wieder menschliche Stimmen zu hören. Es sind ein Junge und ein Mädchen, etwa neun oder zehn Jahre alt. Natürlich waren die beiden auch überrascht, fernab der Zivilisation einen Fremden und dazu noch einen Gringo zu sehen. Unerwartet reichen mir die beiden die Hand und sagen, sie seien am Ziegenhüten und ihr Zuhause sei ganz in der Nähe, etwas unterhalb des Cerro Layas. Diese Offenheit hat mich verblüfft, denn normalerweise ist die Landbevölkerung, vor allem die Kinder, eher scheu und zurückhaltend. Auch meine Behausung haben sich die beiden genauer angeschaut und Fragen gestellt. Da mein vier Liter Wassersack fast leer ist, frage ich die Kinder, wo ich Wasser finden kann. Sie sagen, es sei ganz in der Nähe, und erklären mir, wie ich dorthin komme. Nach den üblichen Fragen, woher ich komme und wohin ich gehe, sind die beiden auch schon wieder verschwunden und schauen nach ihren Ziegen. Kaum habe ich das etwas wässrig gewordene, aber leckere ungarische Gulasch hinuntergeschlürft, verschwindet die Sonne am Horizont und ich spüre eine frische Brise. Die Temperatur ist angenehm und ich kann mich endlich wieder einmal frühzeitig in den Schlafsack verkriechen.




Am Cerro Lajas, Samstag, 03. Dezember, Camp 7 Tag

Wie ein Murmeltier im Winterschlaf habe ich geschlafen. Doch als ich noch vor Sonnenaufgang aus dem Zelt kroch, fühlte ich mich, als käme ich aus einer Folterkammer. Es sind nicht nur die Füsse, die vom mehrmaligen Überqueren des Río Pilcomayo immer noch schmerzen, sondern auch die Schultern vom schweren Rucksack, was sich auch in den Hüft- und Kniegelenken bemerkbar macht. Doch als ich im kleinen Rinnsal am nahegelegenen Bach mit dem Kaffeebecher im kühlen Nass eine Dusche nehme und meine Gelenke wieder aktiviere, erwachen auch meine Lebensgeister.

Beim Einpacken meiner Habseligkeiten sehe ich, dass sich im Rucksack eine Kolonie von aggressiven Blattschneider-Ameisen eingenistet hat und gierig meine Lebensmittel frisst. Obwohl gut verpackt, schneiden sie die Verpackung auf und gelangen so ins Innere. Die Biester beissen mich ständig, und es dauert ewig, bis ich sie loswerde. Deswegen lasse ich mir diesen schönen Tag nicht verderben und verlasse guten Mutes das bewaldete Gebiet, um bald das höhergelegene Grasland zu erreichen.

Der nahegelegene Cerro Laja zeigt im Gipfelbereich eine felsige Region, die ich unbedingt nach Kakteen untersuchen möchte. Was ich dort alles zu sehen bekomme, ist eine wahre Freude. Am auffälligsten sind die in den Felsen eingeklemmten grossen Gruppen von Cleistocacteen mit ihren sich kaum öffnenden, leuchtend roten Blüten. Dazu ist fast jede Felsritze oder jeder Ort, wo sich Schutt abgelagert hat, mit Parodien besetzt, es ist die HJ 447. Je länger ich mich mit diesen Pflanzen beschäftige, desto klarer wird, dass eine gewisse Ähnlichkeit mit der vor drei Tagen am Río Huancarani entdeckten Parodia juckeri HJ 442 besteht.

Die beiden Standorte liegen jedoch 7 km auseinander, und es gibt keine Kontaktzone. Der Höhenunterschied von 1200 m ist beträchtlich. Jahrelange Beobachtungen und Vergleiche in Kultur dieser beiden Populationen haben gezeigt, dass es viele Gemeinsamkeiten gibt, aber auch Unterschiede, vor allem in der Länge und Form der Bedornung, Dichte der Dornen im Scheitelbereich, Anzahl der Rippen und Grösse der Pflanzen. Das hat damit zu tun, dass sich die beiden Populationen den jeweiligen klimatischen Bedingungen angepasst haben. So wächst die P. 442 am Río Huancarani wegen des heissen Klimas mehrheitlich im sonnengeschützten Wald. Die Parodia juckeri var. australis (die Südliche) HJ 447 ist jedoch fast den ganzen Tag der prallen Sonne ausgesetzt und unterscheidet sich in verschiedenen Merkmalen von der Parodia juckeri HJ 442. Deshalb erschien es uns berechtigt, diese Pflanzen als Variation zu beschreiben. Sie wurde 2017 in der Succulenta 69 (4): 157-170 erstbeschrieben.

HJ 447 Parodia juckeri var. australis
Cerro Lajas, 2´400 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien, Blick nach Norden ins Tal des Rio Pilcomayo.

HJ 447 Parodia juckeri var. australis
Kulturpflanze: Klon 3

Cleistocactus spec.
Cerro Lajas, 2´400 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Am gleichen Ort wachsen im Moos und Flechten auch vereinzelte weiss dornige Polster von Aylostera, die HJ 446.

HJ 446 Aylostera fiebrigii fa.
Cerro Lajas, 2´400 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Oberhalb dieser schroffen Felsen, zwischen Steinen und lockerem Graswuchs, entdecke ich eine flachkugelige Lobivia mit kurzröhrigen roten Blüten. Sie wachsen einzeln oder bilden kleinere Sprosshaufen, die HJ 448. Da sich der Standort auf nur 2450 m befindet, was für Lobivia eher ungewöhnlich ist, war es schwierig, diese irgendwo einzuordnen. Auch konnte ich am Standort nur wenige Samen sammeln, sodass nur wenige Pflanzen in Kultur herangewachsen sind. Über die Jahre hinweg ist nur noch eine Kulturpflanze übriggeblieben, und so geriet die Pflanze etwas in Vergessenheit.

Im Jahr 2007 bin ich von Camargo nach Kollpa und zurück nach Culpina gewandert. 7 km nordwestlich von hier und westlich des Mündungsgebietes des Río Santa Elena in den Río Pilcomayo habe ich in gleicher Höhenlage dieselben Pflanzen gefunden, die Lobivia tiegeliana var. borealis HJ 1243. Die aus Samen herangewachsenen Pflanzen haben nach intensiven Beobachtungen gezeigt, dass es unbekannte Formen von Lobivia tiegeliana sind. Da sich das gesamte Verbreitungsgebiet der Lobivia tiegeliana im Grossraum Tarija befindet, sind diese beiden Standorte, die sich ca. 100 km weiter nördlich befinden, aussergewöhnlich. Vor allem, weil zwischen diesen beiden Verbreitungsgebieten bis heute keine weiteren Standorte von Lobivia tiegeliana gefunden wurden. Leider wurde die HJ 448 Lobivia tiegeliana var. borealis vom Cerro Laja bei der Erstbeschreibung der HJ 1243 unbeabsichtigt nicht miteinbezogen, da sie vergessen wurde. Ein Nachtrag über diesen Standort ist in Bearbeitung. Die HJ 1243 wurde im Heft 2015b im Echinopseen 12 als Lobivia tiegeliana var. borealis (die Nördliche) beschrieben.

HJ 448 Lobivia tiegeliana var. borealis
Cerro Lajas, 2´400 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

HJ 448 Lobivia tiegeliana var. borealis
Kulturpflanze: Klon 1

Ich steige weiter hoch bis in den Gipfelbereich des Cerro Lajas und entdecke dort zwischen Steinen und lockerem Grasbewuchs eine Aylostera, die HJ 449. Diese etwas flachkugeligen Pflanzen mit meist tiefroten Blüten und auffallend dunklen Staubblättern haben im Höckerbereich eine auffallend dunkle Färbung. Insgesamt betrachtet zeigen diese Pflanzen Ähnlichkeiten mit der Aylostera atrovirens. Allerdings wachsen diese in wesentlich höheren Lagen. 2013, auf einer weiteren Expedition, habe ich weiter südlich auf demselben Gebirgszug die gleichen Pflanzen wiedergefunden. Im Moment bleibt unklar, wo diese Aylostera einzuordnen ist.

HJ 449 Aylostera spec.
Cerro Lajas, 2´800 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

HJ 449 Aylostera spec.
Kulturpflanzen: Klon 1 und 2

Hier oben auf 2800 m in lockerem Grasbewuchs gäbe es ideale Bedingungen für das Gedeihen von Sulcorebutien. Doch es scheint, als ob es den Pflanzen nicht gelungen ist, sich vom Cerro Alto de las Minas, wo ich die letzten gefunden habe, über das breite Tal des Río Pilcomayo nach Süden zu verbreiten. Doch möglicherweise finde ich ja noch welche auf meiner weiteren Reise nach Camargo. Ich gehe zurück auf den Weg, der jetzt hinunter zur Estancia Lajas führt. Ich habe mich den ganzen Tag an der prallen Sonne aufgehalten, der Wassersack ist längst leergetrunken und mein Durst ist unerträglich. Leider war bei der Estancia Lajas niemand zu Hause, bei dem ich nach Wasser hätte fragen können. Das Gelände weiter südlich ist felsig und zerklüftet, und deshalb führt der Weg hinunter ins Tal zum Río Huajlaya. Einerseits will ich mich beeilen, um möglichst schnell ans Wasser zu gelangen, andererseits flimmern meine Augen vom Wassermangel, und ich muss aufpassen, dass ich nicht stolpere. Kurz vor Erreichen des Talbodens passiere ich einen kleinen Bach ohne fliessendes Wasser, aber mit einigen gefüllten kleinen Wasserlöchern. Ich tauche meinen Kopf in eines dieser Pfützen und trinke es gleich leer. Todmüde und ausgelaugt erreiche ich den Río Huajlaya und folge diesem flussaufwärts, bis ich einen idealen Ort finde etwas oberhalb des Flussbetts zum Campen.




Am Río Huajlaya, Sonntag, 04. Dezember, Camp 8 Tag

Es war noch dunkel, als mich früh morgens Blitz und Donner aus meinem tiefen Schlaf rissen. Danach brach die Sintflut aus, und es wollte nicht mehr aufhören zu regnen. Das Rauschen des Flusses wurde immer lauter, und mit der Stirnlampe konnte ich sehen, dass das Wasser im Flussbett zu steigen begann. Ich war froh, dass ich gestern darauf geachtet hatte, mein Zelt hoch genug über der Uferböschung aufzustellen. Dennoch hatte ich ein mulmiges Gefühl, als bei Tagesanbruch das Wasser weiter stieg. Erst einmal gemütlich frühstücken, sagte ich mir, und dann weiterschauen. Der Regen liess später etwas nach, und auch das Wasser schien weniger zu werden. Müsste ich jetzt den Río Pilcomayo durchqueren, wäre das vielleicht nicht mehr möglich gewesen, also bin ich zufrieden, wie es ist. Ehrlich gesagt, ist mir diese kleine Erholung gerade recht, denn die Strapazen der letzten Tage waren einfach zu krass, und in diesem Stil darf es nicht weitergehen.

Am Río Huajlaya, Camp 8 Tag

Es ist Nachmittag geworden, als sich die Sonne langsam durch die Wolken zwängt und das Zelt trocknet. Ohne Schuhe und voll bepackt muss ich wohl oder übel wieder über den Fluss und versuchen, noch ein Stück weiter talaufwärts zu kommen. Ich hatte gehofft, meine Füsse schonen zu können und nicht andauernd in der starken Strömung den Fluss überqueren zu müssen, doch das war leider nicht der Fall. Glücklicherweise fand ich später auf sicherer Distanz vom Wasser unter Bäumen einen schönen Ort für das Zeltlager. Ich habe noch viel Zeit, um Neues zu entdecken, und steige den bewaldeten, felsigen Steilhang hoch. Schon bald werde ich überrascht, denn zwischen den Felsen wachsen zahlreiche Parodien. Obwohl bei den meisten Pflanzen die Bedornung kürzer ist als bei der zuletzt gefundenen am Cerro Lajas, kann diese Population ebenfalls zu Parodia juckeri var. australis gestellt werden, die HJ 450. Das haben Beobachtungen aus Samen kultivierter Pflanzen in Kultur gezeigt.

HJ 450 Parodia juckeri var. australis
Kulturpflanzen: Klon 2, 4, 5 und 6
1´800 m, Rio Huajlaya, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien




Am Río Huajlaya, Montag, 05. Dezember, Camp 9 Tag

Das nächtliche Grillengezirpe im Wald ist immer noch laut zu hören, als ich über grosse Flusssteine weiter nordwärts wandere. Der reissende Río Huajlaya von gestern ist zu einem kleinen Rinnsal geschrumpft. Das Wasser ist wieder klar und sauber, sodass ich nicht unnötig Wasser schleppen muss. Einen Weg am Ufer entlang gibt es nicht, und so komme ich nur schleppend voran und mache des Öfteren Pause. Dabei kann ich beobachten wie ein Königsfischer versucht Fische zu fangen.

Rastplatzt am Rio Huajlaya, auf dem Weg zur Hacienda Santiago

Auf alten Akazienbäumen wachsen verschiedene epiphytische Kakteen. Auch Cleistocacteen haben auf den Ästen eine Lebensgrundlage gefunden.

Wegstrecke Azurduy nach Camargo

Epiphytische Kakteen und Cleistocacteen auf altem Akazienbaum

Plötzlich gibt es einen erkennbaren Weg. Er führt an einem Friedhof vorbei, und kurz danach stehe ich auf einem grossen Platz, in dessen Mitte eine kleine Kirche steht. Rundherum reihen sich Lehmhäuser aneinander. Nur ein einziges Huhn spaziert an mir vorbei, ansonsten wirkt die Hacienda Santiago wie ausgestorben. Ich rufe noch laut "Hallo, ist da jemand?", doch es bleibt stumm.

Hacienda Santiago

So wandere ich weiter bis zu der Flussgabelung, wo der Weg nach Süden auf einen steilen Gebirgskamm führt. Einige Esel und Maultiere, beladen mit Gütern, und zwei Männer kommen mir entgegen, grüssen freundlich und sind schon wieder verschwunden.

Esel und Maultier-Transport

Als ich Pause mache von meiner schweren Last und einen Abstecher ins Gelände unternehme, entdecke ich zwischen Grasbüscheln und Steinen eine mir unbekannte Aylostera, die HJ 451. Sie ist etwa 5 cm dick und hat bis zu drei kräftige, abstehende Mitteldornen. Jahrelange Beobachtungen aus Samen herangewachsener Pflanzen in Kultur haben ergeben, dass es sich um eine neue Art handelt. Da wir in den letzten Jahren andere von mir entdeckte neue Arten bevorzugten und beschrieben haben, ist diese HJ 451 etwas in Vergessenheit geraten und blieb bis heute namenlos.

HJ 451 Aylostera spec.
Cerro Huajlaya, 2´800 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien, Blick nach Norden

HJ 451 Aylostera spec.
Kulturpflanzen: Klon 7, 8, 12, 13, 17 und 25

Je höher ich den Gebirgskamm hinaufsteige, desto imposanter wird der Blick nach Norden über das Tal des Río Huajlaya bis hin zum Cerro Alto de las Minas, wo ich vor neun Tagen die HJ 438 Aylostera juckeri entdeckt habe.

Blick vom Cerro Huajlaya nach Norden zum Cerro Alto de las Minas mit Standort der HJ 438 Aylostera juckeri, HJ 447, HJ 450 Parodia juckeri var. australis und HJ 451 Aylostera spec.

Es ist spät geworden, und im steilen Gelände gibt es keine Campmöglichkeiten. Obwohl ich müde und erschöpft bin, versuche ich mein gemächliches Tempo zu erhöhen, um noch vor Einbruch der Dunkelheit den Cerro Huajlaya zu erreichen. Eigentlich hätte ich mich mit den mir unbekannten Aylosteras beschäftigen müssen, die ich immer wieder am Wegrand im Moos und zwischen Steinen sehe. Als ich kurz vor Dunkelheit im Gipfelbereich im flachen Gras einen schönen Platz für die Nacht finde, muss ich aufpassen, dass ich nicht auf die zahlreichen Aylosteras trete.




Cerro Huajlaya, Dienstag, 06. Dezember, Camp 10 Tag

Es war eine angenehm kühle Nacht, und als ich erstmals meinen Kopf in die würzige Luft strecke, leuchtet bereits das Morgenrot am Horizont. Ich kann es kaum erwarten, draussen in unberührter Natur wieder Interessantes zu entdecken. Wenn ich von hier nach Norden blicke, hebt sich der Gipfel des Cerro Alto de las Minas klar vom Horizont ab. Am Südrand dieses markanten Bergmassivs habe ich die letzten Sulcorebutien, die HJ 437c, gefunden. Ich hatte gehofft, auf meiner weiteren Expedition auf der Südseite des Río Pilcomayo weitere Standorte von Sulcorebutia zu finden. Hier auf dem Cerro Huajlaya auf 3100 m herrschen ähnliche klimatische Bedingungen. Doch wie ich feststellen muss, wachsen hier und auch weiter westlich keine Sulcorebutien. Ja, ich bin etwas enttäuscht, aber die Hoffnung, doch noch welche zu finden, habe ich nicht verloren.

Cerro Huajlaya mit Blick nach Norden zum Cerro Alto de las Minas, mit Standort Sulcorebutia azurduyensis HJ 437c, Camp 10 Tag.

Ich beschäftige mich jetzt mit der Aylostera HJ 452, die hier weit verbreitet ist. Auffällig ist, dass die bis zu 2 cm dicken und wenig sprossenden Pflanzen überwiegend im vermoosten Boden, zwischen Steinen und Felsen wachsen, was auf ein sehr feuchtes Klima hinweist. Kein Wunder, denn die feuchten Regenwolken, die von Osten herangetrieben werden, können sich hier ungehindert an den Bergflanken ausregnen. Die aus Samen herangewachsenen Pflanzen der HJ 452 wurden mit verschiedenen Aylostera-Arten aus dem westlich gelegenen Culpina-Becken verglichen. Dabei hat sich gezeigt, dass die HJ 452 grössere Unterschiede in ihren Merkmalen aufweist. Die Voraussetzungen, eine neue Art zu beschreiben, waren somit gegeben. Merkmale und Beziehungen hat die Aylostera HJ 452 zu der weiter westlich in der Umgebung von Sumaya vorkommenden und von Rausch entdeckten Aylostera sumayana.

Die HJ 452, 452a und 452b (Namen) wurde zu Ehren von Ludwig Bercht benannt, der 2021 unerwartet im Alter von 76 Jahren verstorben ist.

Aylostera berchtiana sp. nov. HJ 452, HJ 452a und b, und Aylostera berchtiana var. splendida sp. nov. (HJ ???), die ich 2007 nördlich der Art gefunden habe, wurden 2022 in Succulenta erstbeschrieben.

HJ 452 Aylostera berchtiana
Cerro Huajlaya 2´800 m-3´100m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

HJ 452 Aylostera berchtiana
Kulturpflanzen: Klon 2, 7, 9, 10, 12, 16 und 18

Das weiträumige Vorkommen sowie das Fotografieren und Dokumentieren der Pflanzen hat mir viel Freude bereitet, aber auch viel Zeit in Anspruch genommen, sodass ich heute kaum vorwärts gekommen bin. Auf einer grasbewachsenen Hochebene, die von grossen Felsen unterbrochen wird, gibt es ideale Campingmöglichkeiten.

Auf dem Cerro Huajlaya, Camp 11 Tag




Cerro Huajlaya, Mittwoch, 07. Dezember, Camp 11 Tag

Meine Wanderung verläuft jetzt auf einem Gebirgszug, der von Ost nach West bis in die etwa 30 km entfernte Hochebene von Culpina reicht. Gleichzeitig ist das Gebirge auch eine Wasserscheide. Nach Norden fliesst das Wasser in den Río Santa Elena und Río Pilcomayo, nach Süden in den Río Pilaya.

Kurz nach Sonnenaufgang, bei strahlend schönem Wetter, steige ich in steilen Serpentinen weiter hoch in den Gipfelbereich des Cerro Marcelo Kahsa. Dort, auf 3300 m, auf einer mit Gras und Felsen bewachsenen Ebene, ist die Aylostera berchtiana HJ 452 immer noch häufig anzutreffen. Aber es wachsen auch noch andere Aylosteras, deren Blüten verschieden sind, deren Körper grösser und deren Dornen länger sind, die HJ 453 spec. Es wird immer noch abgeklärt, ob es in der grossräumigen Region eine verwandtschaftliche Beziehung gibt oder ob es sich um eine neue Art handelt.

HJ 453 Aylostera spec.
Cerro Marcelo Kahsa, 3´300 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

HJ 453 Aylostera spec.
Kulturpflanzen: Klon 3, 6, 10 und 15

Später im felsigen Gelände wurde der gut ausgebaute Inka-Pfad in eine steile Felswand gemeisselt. In diesem schwierigen Gelände wachsen wieder andere Aylosteras, die HJ 454 spec. Wegen Absturzgefahr konnte ich keine Standortfotos machen und fand nur eine aufgeplatzte Frucht mit wenigen Samen. Auch bei dieser Pflanze sind noch weitere Abklärungen nötig, um eine Beurteilung abzugeben. Auch eine Aylostera fiebrigii fa. bevorzugt diese felsigen Strukturen, es ist die HJ 455

HJ 454 Aylostera spec.
Cerro Marcelo Kahsa, 3´300 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

HJ 454 Aylostera spec.
Kulturpflanzen: Klon 5, 6 und 23

HJ 455 Aylostera fiebrigii fa.
Cerro Marcelo Kahsa, 3´300 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

HJ 455 Aylostera fiebrigii fa.
Kulturpflanze: Klon 1

Auf erdig-lehmigem Boden wachsen vereinzelt auch Lobivia ferox, HJ 456, die in Nordargentinien bis ins südliche Bolivien weit verbreitet sind.

HJ 456 Lobivia ferox var. longispina
Cerro Marcelo Kahsa, 3´300 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Man kann jetzt sehen, dass der heftige Regen vor drei Tagen die sonst kargen Wiesen in ein saftiges Grün verwandelt hat. Darin sind Farbtupfer zu erkennen, wie zum Beispiel der grossblumige Oxalis argentina.

Oxalis argentina
Cerro Marcelo Kahsa, 3´300 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Es gibt noch eine weitere kleinwüchsige Pflanze, die ohne Blüte kaum zu entdecken ist

Eine Pflanze aus der Gattung Nototriche und Familie: Malvaceae
Cerro Marcelo Kahsa, 3´300 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Leider verläuft der Weg auf dieser Gebirgskette nicht immer auf gleicher Höhe. Er führt hoch auf Berggipfel, dann wieder hinunter auf tief gelegene Sättel und erneut hinauf in die Gipfelregionen, was sehr kräftezehrend ist. Doch man wird auch immer wieder mit atemberaubenden Blicken in die umliegenden Täler belohnt, und oft kann man in der Thermik die Kondore beobachten. Am Ostende des Cerro Marcelo Kahsa entdecke ich einen weiteren Standort der Aylostera berchtiana, die HJ 452a. Diese zeigen jedoch keine wesentlichen Unterschiede zur erstgefundenen, liegt aber ziemlich weit von dieser entfernt.

HJ 452a Aylostera berchtiana
Cerro San Marcelo Khasa, 3´300 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

HJ 452a Aylostera berchtiana
Kulturpflanzen: Klon 1, 4, 14, 15, 25 und 26

Nach einem fünfhundert Meter tiefen Abstieg erreiche ich die kleine Ortschaft Lampazar, die auf einem Sattel liegt, wo ich sauberes Trinkwasser bekomme. Obwohl ich zum Umfallen müde bin, führt der Weg von dort wieder steil hoch in die Berge. Erst kurz vor Einbruch der Dunkelheit finde ich auf einer flachen, grünen Wiese endlich einen idealen Platz für die Nacht, mit Blick nach Norden ins Tal des Río Pilcomayo.

Am Cerro Mojon, Camp 12 Tag




Cerro Mojon, Donnerstag, 08. Dezember, Camp 12 Tag

Ich war gestern Abend so erschöpft, dass ich beim Käse- und Salamiessen eingeschlafen und erst wieder aufgewacht bin, als am nächsten Morgen die Sonne mein Zuhause in eine Sauna verwandelt hat. Ich fühle mich gut und ausgeruht und habe einen Bärenhunger. Jetzt freue ich mich auf eine Portion Spaghetti Carbonara mit geriebenem Käse und darauf, draussen im Gras zu sitzen und die stille, unberührte Natur zu geniessen.

Doch bald quält mich der Durst, und ich muss weiter den Berg hoch, in der Hoffnung, noch vor dem letzten Pass Wasser zu finden. Ich habe Glück, denn schon bald rieselt etwas Wasser über einen Felsvorsprung. Ich kann sogar mit Hilfe meiner Kaffeekanne eine Dusche nehmen - was für ein Luxus und Vergnügen! Im Gipfelbereich des Cerro Majon mache ich mich auf die Suche nach weiteren Standorten von Kakteen und werde bald fündig. Es sind wieder Aylosteras berchtiana mit meist sehr kurzen Dornen, die HJ 452b.

HJ 452b Aylostera berchtiana
Cerro Mojon, 3´300 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien, Blick nach Norden ins Tal des Rio Pilcomayo

HJ 452b Aylostera berchtiana
Kulturpflanzen: Klon 2, 3, 4, 6 und 7

Ich sitze auf einem Felsen oben auf dem Cerro Mojon, schlürfe ein Birchermüsli und geniesse den weiten Blick ins Tal des Río Pilcomayo. Dabei beneide ich die Kondore, die gemächlich in der Thermik ihre Kreise ziehen. Ich beneide sie, weil sie grosse Distanzen in kurzer Zeit zurücklegen können, um dann auf dem nächsten Gipfel, ohne je einen Flügelschlag zu tätigen, wieder in der Thermik zu kreisen. Ich hingegen brauche von einem Berggipfel zum anderen viele Stunden, den ganzen Tag oder noch länger. Ha, ha, ha.

Blick vom Cerro Mojon nach Norden ins Tal des Rio Pilcomayo

Als ich so dasitze, läuft vor meiner Nase ein Tier mit schwarzem Pelz und kurzen Beinen vorbei, das mit Schwanz etwa 100 cm misst. Ich habe ein solches Tier noch nie gesehen, könnte aber in die Familie der Marder gehören. Heute ist in der Einsamkeit richtig was los, denn kurz danach stehen plötzlich zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, 9 und 11 Jahre alt, vor mir. Sie sind von Culpina gekommen und haben dort ihren Vater im Spital besucht. Sie sind seit zwei Tagen unterwegs und haben noch weitere zwei Tage bis zu ihrem Zuhause vor sich. Sie haben nur das Allernötigste dabei, und ihre Blicke auf mein Müsli und die anderen Leckereien vor mir verraten, dass sie Hunger haben. Sogleich nehme ich das restliche Milchpulver, das ich habe, und rühre es in der Pfanne mit Wasser auf. Dazu kommen Haferflocken, Nüsse, getrocknete Beeren und etwas Zucker. Da ich nur einen Löffel habe, schmatzen die Kinder abwechselnd im Eiltempo das Müsli hinunter. Während sie essen, höre ich, dass es bei ihnen zu Hause so etwas Leckeres nicht gibt. Sie bedanken sich, und so schnell sie gekommen sind, sind sie auch wieder verschwunden. Für mich war diese Begegnung Anlass, über vieles im Leben nachzudenken.

Nun führt der Weg steil hinunter auf einen Sattel, wo es einige Häuser mit dem Namen El Portillo gibt. Wie ich sehen kann, gibt es hier eine Strasse, die nach Villa Charcas führen soll. In steilen Serpentinen führt diese wieder hoch bis auf 3200 m. Es gibt nichts Qualvolleres als auf Landstrassen zu wandern. Es fehlt die Übersicht in die unberührte Natur, man läuft unnötige Distanzen und vor allem ist es langweilig. So war ich froh, kurz vor Dunkelheit auf der Passhöhe einen Platz für die Nacht gefunden zu haben.




Region El Portillo, Freitag, 09. Dezember, Camp 13 Tag

Es ist feucht und kalt, und dichter Nebel herrscht, als ich mich frühmorgens etwas lustlos in Bewegung setze. Dann höre ich nach langer Zeit wieder Motorengeräusche, und plötzlich steht wie aus dem Nichts ein Toyota Land Cruiser vor mir. Der Fahrer sagt, er müsse nach El Portillo, käme aber bald wieder zurück und könne mich ein Stück weit mitnehmen. So war es denn auch, und er brachte mich etwa 10 km weiter bis zum Cerro Inca Puyjo, wo Arbeiter die Strasse reparieren. Die Wolken haben sich aufgelöst, und es scheint ein schöner Tag zu werden. An den Ostflanken dieses hohen Gebirgszugs, der von Süden nach Norden verläuft, stauen sich die von Osten herangeführten Regenwolken und entleeren sich. Deshalb ist die Gebirgsregion, durch die ich die letzten vier Tage gewandert bin, mit saftig grünen Wiesen bedeckt.

Blickt man von hier nach Westen in die Ebene von Villa Charcas, so wirkt die Landschaft farblos, karg und ausgetrocknet. Westlich der Ebene kann ich in etwa abschätzen, wo mein Weg weiter in die Berge und nach Camargo führt. Erfreulicherweise kann man den früher einmal so wichtigen Inka-Pfad hinunter ins Tal wieder benutzen.

Kaum wieder unterwegs in unberührter Natur, entdecke ich an einem Steilhang, zwischen Steinen, Gras und Moos rotblühende Aylosteras, die HJ 457. Doch diese haben ein anderes Aussehen als die zuletzt gefundene Aylostera berchtiana. Die Pflanzen werden 2-3 cm dick und sprossen mehr oder weniger. Die Randdornen sind mehr abstehend und sie haben einen bis drei Mitteldornen. Als ich mich später in der Literatur über Aylosteras aus der Region befasst habe, stiess ich auf eine Aylostera sumayana, die von Rausch 1986 mit seiner Feldnummer WR 738 erstbeschrieben wurde. Rausch hat die Pflanze hier in der weiteren Umgebung auf 3200 m gefunden und nach der etwas südlich von hier gelegenen Ortschaft Sumaya benannt. Sein langjähriger Begleiter Franz Kühhas hat viele Jahre später nochmals versucht, nach Hinweisen von Rausch den Fundort in der weiteren Umgebung von Sumaya zu erreichen. Bei sehr kühlem, feuchtem Wetter konnten jedoch in den Felsen des Gebirgskamms nordöstlich von Sumaya am Typfundort keine Pflanzen entdeckt werden. Obwohl diese Region bereits seit vielen Jahren auf Strassen sehr gut zugänglich ist, wurde die Aylostera sumayana meines Wissens nicht wieder gefunden.

2007 habe ich in der Region von Pirhuani, etwa 60 km nördlich von hier, in einem bewaldeten und sehr feuchten Gebiet eine sehr kleinwüchsige und im Alter stark sprossende Aylostera gefunden, die HJ 1242. Da mir diese Pflanzen unbekannt waren, habe ich einige aus Samen herangewachsene Exemplare an Prof. Lothar Diers geschickt, um zu prüfen, ob es sich um eine neue Art handelt. Nach vielen Jahren des Beobachtens und Vergleichens mit anderen Aylosteras ist Prof. Diers zu dem Ergebnis gekommen, dass es taxonomisch keine Unterschiede zur von Rausch 1986 gefundenen Aylostera sumayana gibt. Meine entdeckte HJ 1242 ist somit als eine weiter nördlich vorkommende Aylostera sumayana zu betrachten und kann nicht mit der jetzt gefundenen Aylostera HJ 457 in Verbindung gebracht werden. Ich erwähne dies deshalb, weil in der Literatur Aylosteras aus derselben Region gezeigt werden, die sehr ähnliche Merkmale wie die HJ 457 aufweisen, aber als Aylostera sumayana benannt sind, was nicht zutreffend ist.

2019 wurde in "Kakteen und andere Sukkulenten" über das nördliche Vorkommen der HJ 1242 Aylostera sumayana berichtet. Siehe auch unter Jucker Literatur.

HJ 457 Aylostera spec.
Cerro Inca Puyjo, 3´400 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

HJ 457 Aylostera spec.
Kulturpflanzen: Klon 1, 3, 8, 12 und 41

Beim weiteren Abstieg ins Tal wird es zunehmend trockener, und teilweise ist kein Grashalm zu sehen. Dennoch wachsen auf blanken Felsen und auf Schotter halbrund geformte Azorella compacta-Polster, so als seien sie angeklebt. Als ich diese trostlose, aufgeheizte Steinwüste etwas näher betrachte, sehe ich, dass Leben aus dem Schiefergestein spriesst. Es sind Aylosteras pygmaea, die HJ 458, die wegen der Trockenheit tief im Boden stecken, und einige sind nur einen halben Zentimeter gross. Bei einem längeren Rundgang kann ich immer wieder kleinere Populationen finden, teilweise auch noch blühend. Die Aylostera pygmaea ist weit verbreitet von Nordargentinien bis nördlich von Potosi, und je nach Standort haben sich verschiedene Formen entwickelt.

HJ 458 Aylostera pygmaea fa.
Östlich Estancia Laya, 3´100 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Nur wenig weiter wachsen vereinzelte Aylostera atrovirens die wesentlich grösser gewachsen sind als die letztgefunden. Auch diese Aylostera ist weit verbreitet von Nordargentinien bis südlich Potosi in Bolivien.

HJ 459 Aylostera atrovirens fa.
Östlich Estancia Laya, 3´100 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien, Blick nach Westen in die Ebene von Villa Charcas

Auffällig sind auch die gelben Blüten der Hypochaeris sessiliflora, die vereinzelt im Schotter zu sehen sind. Sie gehören zur Familie der Asteraceae.

Hypochaeris sessiliflora, Familie Asteraceae
Östlich Estancia Laya, 3´100 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Ich erreiche die Ebene von Villa Charcas, überquere den Río Incahuasi und wandere durch ausgetrocknete Felder, auf denen Bauern Kartoffeln pflanzen und auf Regen hoffen. Der Weg führt oft an kleinen Siedlungen aus Lehmziegeln vorbei, die sich nahtlos in die braune, ausgedörrte Landschaft einfügen.

Indiosiedlung in der Ebene von Villa Charcas

Es ist nicht immer einfach, in diesem Labyrinth von Wegen zwischen den Feldern den richtigen zu finden. In der Ferne erkenne ich meinen Weg, der zu einem Sattel führt (Ayumita Loma). Es hat jedoch Stunden gedauert, bis ich den Aufstieg auf den Cerro Tare Orkho gefunden habe. Oben angekommen sieht es aus, als hätte es Steine geregnet. Dennoch entschied ich mich, hier auf dem Sattel mein Nachtlager aufzubauen. Es war jedoch eine Herausforderung, die Heringe in den steinigen Boden zu schlagen. Danach waren sie verbogen und nur schwer wieder zu richten.




Ayumita Loma, Cerro Tare Orkho, Samstag, 10. Dezember, Camp 14 Tag

Während ich draussen im Schiefer-Schotter sitze und mein Frühstück in der wärmenden Sonne geniesse, spüre ich plötzlich ein Kratzen und Stechen am Oberschenkel. Als ich nachsehe, entdecke ich tief im Kies, kaum sichtbar, eine Parodia subterranea, die HJ 462 - was für eine Überraschung! Beim vorsichtigen Suchen nach weiteren Exemplaren im Kies finde ich immer wieder welche und muss aufpassen, nicht auf sie zu treten. Es gibt jedoch auch Orte zwischen Gräsern und kleinen Büschen, wo man die Pflanzen besser erkennen kann. Parodia subterranea bedeutet im Lateinischen "unterirdisch". Sie ist in der grossräumigen Umgebung von Culpina weit verbreitet.

HJ 462 Parodia supterranea
Ayumita Loma, Cerro Tare Orkho, 3´100 m - 3´200 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien, Camp 14 Tag

HJ 462 Parodia supterranea
Kulturpflanzen: Klon 1 und 2

In diesem leicht abfallenden Gelände suche ich nach weiteren Kakteenvorkommen und entdecke erneut eine Population von Aylostera pygmaea, die HJ 458a. Diese Pflanzen sind etwas grössergewachsen und weniger ausgetrocknet als die zuletzt Gefundenen.

HJ 458a Aylostera pygmaea fa.
Ayumita Loma, Cerro Tare Orkho, 3´200 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

HJ 458a Aylostera pygmaea fa.
Kulturpflanze: Klon 1

Vom Sattel führt der Weg hinunter zum Rio Papa Chajra, wo es ideal ist, um Kleider zu waschen. Vor allem aber geniesse ich die Abkühlung in einem kleinen Pool, plansche umher und erfreue mich an den Papageien, die auf den Baumkronen kreischen oder vor sich hin plappern. Ich hänge meine Wäsche an den Rucksack und wandere weiter hoch, vorbei am Gipfel des Cerro Tare Orkha. Hier wächst wieder Parodia subterranea und eine Form von Lobivia pugionacantha, möglicherweise die Variation Lobivia ?? culpinesnis. Leider gibt es keine Blüten am Standort, sondern nur Früchte, die jedoch noch nicht völlig ausgereift waren, sodass das Aussäen in Kultur kein Erfolg brachte.

HJ 460 Lobivia pugionacantha
Cerro Tare Orkha, 3´200 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Die Nachmittagssonne brennt erbarmungslos, als ich über die Hochebene der Comunidad Arpaja Alto wandere. Doch ich bin frohen Mutes und erleichtert, als ich sehe, dass mein Weg weiter auf einem Gebirgskamm nach Westen ins Hochgebirge führt.

Hochebebe bei Comunidad Arpaja Alta

Kaum habe ich den steilen Anstieg in Angriff genommen, fühle ich mich kraftlos und erschöpft. Zudem schmerzen meine Füsse und mein linkes Knie. Nach dreihundert Höhenmetern erreiche ich schliesslich einen mehr oder weniger flachen Ort, der sich gut für das Nachtlager eignet. Heute bin ich dreizehn Kilometer gewandert, und mein Schrittzähler zeigt nun insgesamt 186 Kilometer.

Westlich Comunidad Arpaja Alta, Camp 15 Tag




Westlich Comunidad Arpaja Alta, Sonntag, 11. Dezember, Camp 15 Tag

Wieder habe ich geschlafen, als wäre ich in Narkose versetzt worden. Die Schmerzen in meinen Füssen und Knien sind kaum noch zu spüren. Ich koche viel Tee zum Mitnehmen und als die ersten Sonnenstrahlen mich wärmen, bin ich bereits unterwegs in die höher gelegenen Berge. Während ich durch einen locker gewachsenen Polylepis-Wald wandere, in dem auch Azorella compacta-Polster wachsen, entdecke ich auf einem dieser Polster ein kleines Pflänzchen. Es ist ein Hypseocharis pimpinellifolia, das zur Familie der Geraniaceae gehört. Das Motiv hat mir so gut gefallen, dass ich es unbedingt Fotografieren musste. Da es am Wegrand auf den Felsen auch noch eine ideale Sitzgelegenheit gab, nutzte ich diese, um zu frühstücken.

Frühstückspause bei Aufstieg zum Cerro Milluyoi

Hypseocharis pimpinellifolia (Familie: Geraniaceae) auf Azorella compacta-Polster
Cerro Milluyoi, 3´400 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Der Himmel ist tiefblau, die Sonne brennt wie ein Brennglas und es gibt keinen Schatten, als ich am Cerro Milluyoi erneut eine Pause einlege. Hier oben ist die Landschaft weniger ausgetrocknet und während ich einen Rundgang mache, sehe ich bereits aus der Ferne rote Farbtupfer leuchten. Beim näheren Betrachten der Pflanzen und Blüten wird klar, dass es sich um Formen von Aylostera atrovirens handelt, die HJ 463. Je nach Standort, im Gras oder zwischen Steinen, zeigen diese eine etwas unterschiedlich lange Bedornung.

HJ 463 Aylostera atrovirens fa.
Cerro Milluyoi, 3´500 m-3´700 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

HJ 463 Aylostera atrovirens fa.
Kulturpflanzen: Klon 20 und 21

Manchmal begegne ich Menschen deren Maultiere und Esel beladen sind mit Holz. Sie schneiden die Äste der rar gewordenen Polylepis Bäumen, die nur in sehr hohen Lagen wachsen und benutzen es als Brennholz. Zum Glück sind es robuste Pflanzen so dass das geschnittene Holz wieder nachwächst.

Holztransport hinunter in die Ebene von Culpina

Auf 3800 Metern Höhe fliesst ein kleines Rinnsal vom höher gelegenen Cerro Milluyoi. Etwas weiter unten hat sich ein kleiner Pool gebildet. Da mein Körper vor Hitze kochte und meine Kleidung durchgeschwitzt war, entschied ich mich kurzerhand, dort ein Bad zu nehmen.

Erfrischendes Bad am Cerro Milluyoi

Es war eine Schocktherapie pur, und als ich wieder draussen dem plötzlich böigen und kalten Wind ausgesetzt war, fror ich wie ein Schlosshund. Noch vor der Passhöhe, auf 3900 Metern, an einem ziemlich flachen Ort, richtete ich mein Lager für die Nacht ein.




Auf dem Cerro Milluyoi, 3´900 m, Montag, 12. Dezember, Camp 16 Tag

Bis spät in die Nacht war der Himmel klar. Ich fror und musste mit meiner Fleecejacke schlafen. Doch am frühen Morgen, als es noch dunkel war, wurde ich von einem heftigen Donnerschlag aus dem Schlaf gerissen. Blitze schossen vom Himmel und es begann heftig zu regnen. Zum Glück lief das meiste Wasser seitlich am Zelt vorbei, sodass ich ziemlich trocken blieb. Das regnerische Wetter kam mir gerade recht, denn so konnte ich endlich mein Tagebuch und die Feldnotizen der letzten Tage aufarbeiten. Zudem weckte das kühle Wetter meinen Appetit, und so kochte ich mir ein ungarisches Gulasch mit Kartoffelstock. Zum Dessert gab es eine feine, luftige Schokoladenmousse. Der Regen war von kurzer Dauer, und bald blinzelte die Sonne hinter den Wolken hervor. Ich lasse das Zelt trocknen und erkunde die nähere Umgebung, wo ich schon bald zwischen Steinen und Gräsern zahlreiche kleinere oder auch grössere Gruppen von Aylostera atrovirens entdecke, die HJ 463a. Manche Pflanzen wachsen in feuchtem, humosem Boden und können bis zu 5 cm dick werden.

HJ 463a Aylostera atrovirens
Cerro Milluyoi, 3´900 m-4´000 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

HJ 463a Aylostera atrovirens
Kulturpflanzen: Klon 18 und 40

Ich packte meine Sachen, füllte den Wassersack am nahegelegenen Bach, erfrischte mich und machte mich auf den Weg. Das Gelände steigt langsam, aber stetig bis in den Gipfelbereich des Cerro Mylluyoi an. Dort oben, auf 4000 m, wachsen zwischen den Felsen Lobivia ferox var. longispina. Man sieht sie einzeln oder in kleinen Gruppen. Sie werden bis zu 15 cm dick und haben lange, kräftige, nach aussen und oben gerichtete Dornen.

HJ 464 Lobivia ferox var. longispina
Cerro Milluyoi, 4´000 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Am selben Ort wachsen erneut Aylostera atrovirens, die HJ 465, die sich jedoch kaum von der zuletzt gefundenen unterscheidet.

HJ 465 Aylostera atrovirens fa.
Cerro Milluyoi, 4´000 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Zudem gibt es in den Felsen und zwischen lockerem Graswuchs Gruppen von Oreocereus trollii, die bis zu 50 cm hochgewachsen sind.

Oreocereus trollii
Cerro Milluyoi, 4´000 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Entlang des Gebirges, in westlicher Richtung, erreiche ich den 4000 Meter hohen Cerro Paloma Huachana. Auch hier sind die Aylostera atrovirens, die HJ 466, noch weiträumig zu finden, selbst zwischen den Polstern von Azorella compacta. Diese Pflanzen unterscheiden sich von den zuvor gefundenen durch ihre sehr dunklen, fast weinroten Blüten mit einem tiefdunklen Schlund.

HJ 466 Aylostera atrovirens fa.
Cerro Paloma Huachana, 4´000 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Weiter nach Westen wird die Landschaft zunehmend trockener. Plötzlich habe ich einen weiten Blick ins Tal von Camargo - was für eine Freude. Ich sollte also in wenigen Tagen dort ankommen.

Blick vom Cerro Paloma Huachana ins Tal von Camargo

Als ich mich in dieser trockenen Landschaft, die von feinem Schiefergestein geprägt ist, genauer umschaue, entdecke ich aus der Ferne wieder rote Farbtupfer. Es stellte sich heraus, dass es sich um die Blüten einer Aylostera pygmaea handelt, die kleine Polster bilden und ohne Blüten kaum zu entdecken sind. Es ist die Feldnummer HJ 477.

HJ 477 Aylostera pygmaea fa.
Cerro Paloma Huachana, 3´840 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Und dann geschah etwas, das man als kleines Wunder bezeichnen kann. Es war etwas, wovon ich auf der ganzen Reise immer geträumt hatte, das aber nie in Erfüllung ging. Ein kleiner Ast hatte sich in den Schnürsenkeln meines Schuhs verheddert. Das ist an sich nichts Aussergewöhnliches und kann in der Wildnis durchaus vorkommen. Also setzte ich mich auf einen grösseren Stein und bückte mich, um den Ast von meinen Schuhen zu entfernen. Und was entdeckte ich neben meinem Schuh, tief im Schieferschotter versteckt? Eine sehr kleine Sulcorebutia mit grauer Epidermis, die farblich kaum vom Schieferschotter zu unterscheiden ist. Es ist die Feldnummer HJ 478. Hätte ich mich nicht bücken müssen, hätte ich sie nicht entdeckt. Ein lauter Jubelschrei hallte durch die stille Landschaft, so laut, dass man ihn unten im Tal in Camargo hätte hören müssen. Selbst wenn man sich langsam in gebückter Haltung vorwärtsbewegt, sind die sprossenden und bis zu zwei Zentimeter dicken Pflanzen kaum sichtbar. Wie ich feststellen kann, sind die Pflanzen keineswegs selten. Sie wachsen in senkrecht verlaufendem Schiefergestein, und aufgrund des sehr trockenen Klimas arbeiten sich die Pfahlwurzeln bis zu 30 Zentimeter tief in das harte Gestein. Hinzu kommen die sehr harten klimatischen Bedingungen auf 3840 Metern Höhe. Hier gibt es die höchste Tagessonnenscheindauer, und die Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht können über 30 Grad betragen. Es ist daher berechtigt zu sagen, dass dieser Standort der wohl aussergewöhnlichste von allen mir bekannten Sulcorebutien ist. Auch das Erscheinungsbild des Habitus ist mit keiner anderen Art vergleichbar.

Die HJ 478 Sulcorebutia camargoensis wurde 2004 in der Zeitschrift 'Kakteen und andere Sukkulenten' erstbeschrieben.

HJ 478 Sulcorebutia camargoensis
Cerro Paloma Huachana, 3´840 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

HJ 478 Sulcorebutia camargoensis
Kulturpflanzen: Klon 6, 10, 12, 44 und 48

Es gibt sie also doch, wenn auch mit grossen Lücken, die Verbindung zwischen den nördlichen und südlichen Sulcorebutien. Sollte es noch weitere Sulcorebutien Vorkommen geben in dieser weitläufigen und schwer zugänglichen Region, so sind das vermutlich nur wenige isolierte Standorte.

Das Sammeln von Samen und wichtigen Informationen hat viel Zeit in Anspruch genommen, weshalb ich mich entschied, die Nacht an diesem wunderschönen Ort zu verbringen.

Am Cerro Paloma Huachana, Camp 17 Tag, Blick nach Norden mit Oreocereus trolli

Doch hier oben gibt es kein Wasser, daher muss ich in das 200 Meter tiefer gelegene Tal absteigen und darauf hoffen, dort unten welches zu finden. Gleich zu Beginn, wo das Gelände steil in das Seitental abfällt und mit Gräsern sowie vereinzelten Sträuchern bewachsen ist, gedeihen einige wenige Lobivia ferox var. longispina mit sehr langer und wilder Bedornung, die HJ 479. Fliessendes Wasser habe ich im Tal unten keines gefunden, aber es gab genügend Wasserpfützen im felsigen Gestein.

HJ 479 Lobivia ferox var. longispina
Cerro Paloma Huachana, 3´840 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien




Am Cerro Paloma Huachana, Dienstag, 13. Dezember, Camp 17 Tag

Um die kühlen Morgenstunden zu nutzen, bin ich früh unterwegs und geniesse die frische, würzige Luft von Gräsern und Kräutern. Der Weg führt auf einem Gebirgskamm weiter nach Westen, und schon bald entdecke ich wieder Kakteen. Es sind Weingartia cintiensis, die HJ 480, die oft grössere Gruppen bilden. Dies unterscheidet sie von der Weingartia westii, die mehrheitlich einzeln wächst, aber in etwa gleicher Höhenlage zu finden ist, jedoch weiter nördlich verbreitet ist.

HJ 480 Weingartia cintiensis
Cerro Paloma Huachana, 3´840 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

HJ 480 Weingartia cintiensis
Kulturpflanzen: Klon 1, 2 und 17

Später, als der Weg seitlich am Gebirgskamm entlang hinunter zum Rio Serano führt, wachsen meist etwas geschützt unter kleinen Büschen grossgewachsene Parodien, die ich aufgrund der hohen Lage in den Formenkreis der Parodia maassii einordne. Es dürfte sich um die var. albescens von Ritter handeln.

HJ 481 Parodia maassii var. albescens
Cerro Paloma Huachana, 3´600 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

HJ 481 Parodia maassii var. albescens
Kulturpflanze: Klon 8

Am selben Ort wächst auch die in Südbolivien weit verbreitete Austrocylinderopuntia sahferi.

Austrocylinderopuntia sahferi
Cerro Paloma Huachana, 3´600 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Als ich das Gelände am selben Ort weiträumig erkunde, entdecke ich zufällig die weissblühende Aylostera leucanthema, die HJ 482, leicht schattiert in den Büschen. Die etwa 2 cm grossen Pflanzen zeigen je nach Standort längere oder kürzere Dornen.

HJ 482 Aylostera leucanthema
Cerro Paloma Huachana, 3´650 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Am selben Ort blühen aber auch noch andere Kakteen, wie die Lobivia lateritia mit ihren roten Blüten.

HJ 483 Lobivia lateritia
Cerro Paloma Huachana, 3´600 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Das Gelände wird zunehmend steiler, und bald mündet der Weg in die enge Schlucht des Río Serano. Gleich zu Beginn, oberhalb des ausgetrockneten Bachbetts, entdecke ich zufällig auf Augenhöhe eine blühende Aylostera leucanthema, die HJ 484.

HJ 484 Aylostera leucanthema
Rio Serano 3200 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Am selben Ort finde ich unerwartet eine Form von Echinopsis leucantha, die HJ 485, mit langen, wirr ineinander verflochtenen Dornen. Diese Pflanzen sind hauptsächlich in Nordwestargentinien beheimatet.

HJ 485 Echinopsis leucantha fa.
Rio Serano 3200 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Das anfänglich unterirdisch fliessende Wasser wird später an die Oberfläche gedrückt und stürzt als Wasserfall über eine hohe Felswand. Zu meiner Überraschung wurde der Weg an diesem Hindernis vorbei in die Felsen gehauen und mündet unterhalb wieder ins Bachbett. Unten am Wasserfall hat sich ein kleines Becken gebildet, in dem ich mich mit einem dringend nötigen Bad vergnügen kann. Als ich gemütlich im Pool sitze, sehe ich, dass ich beobachtet werde - nicht etwa von Schaulustigen, sondern von einem Frosch, der gemütlich auf einem Stein sitzt und schläft.

Bolivianischer Laubfrosch (Hyla pulchella) aff.
In der Schlucht des Rio Serano mit dort lebendem Frosch

Weiter die Schlucht hinab sind die Felswände mit Trichocereen, Chleistocacteen und Puyas bewachsen. Bei genauerem Hinsehen entdeckte ich auch massenweise Blossfeldia liliputana.

Blossfeldia liliputana
Rio Serano 3100 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Es ist spät geworden, und ich suche verzweifelt nach einem geeigneten Ort, um die Nacht zu verbringen. Dieses Mal ist nicht das Wasser das Problem, sondern einen Platz oberhalb des Bachbetts zu finden, wo ich geschützt bin, falls das Wasser bei starkem Regen ansteigt. Es dämmert bereits, als ich notdürftig einen Platz unter einem Felsvorsprung finde. Kaum habe ich es mir einigermassen gemütlich gemacht, kommt ein alter Mann mit einem Esel, beladen mit Holz, vorbei. Wir grüssen uns freundlich, und er trottet weiter. Wie immer koche ich Abendessen, verkrieche mich danach in den Schlafsack und schreibe Tagebuch. Es ist längst dunkel geworden, als ich direkt über mir, oberhalb der Felsklippe, menschliche Stimmen höre. Kurz darauf beginnt es zu rumpeln, und riesige Felsbrocken fallen von oben in die Schlucht, direkt vor mein Zelt. Vor Schreck flüchte ich so schnell wie möglich aus dem Schlafsack, nur in Unterhosen und ohne Socken an den Füßen, und finde Schutz unter dem Felsvorsprung hinter mir. Immer mehr Steine fliegen hinunter, prallen jedoch auf dem Felsvorsprung über mir ab und fliegen über mein Zelt hinweg ins Bachbett - Gott sei Dank werde ich verschont.

Aber was soll diese bösartige Aktion von Einheimischen, die hier in der Gegend leben, bedeuten, fragte ich mich. Ich vermutete, dass der alte Mann mit dem Esel, der spät an mir vorbeiging, oberhalb der Schlucht bei einer Siedlung berichtet hatte, dass ein Fremder die Nacht in der Schlucht verbringt, und sie mich deshalb vertreiben wollten. Irgendwann wurde es ruhig, doch dann hörte ich Stimmen unten in der Schlucht und sah plötzlich Menschen mit Fackeln auf mich zukommen. Die Situation war beunruhigend, aber ich versuchte ruhig zu bleiben und abzuwarten, was passieren würde. Es waren drei Männer mittleren Alters mit Macheten und eine jüngere Frau. Die Männer stellten keine Fragen, um zu erfahren, was ich hier mache, sondern griffen mich sofort mit ihren Macheten an. Schnell bemerkte ich, dass die Männer betrunken sind und, wenn ich ihren Attacken auswich, sie über die Zeltschnüre stolperten und umfielen. Nebenbei versuchte ich der Frau zu erklären, was ich hier mache und dass sie keine Angst vor mir haben müssten. Sie vertraute mir und versuchte daraufhin, die Männer zu beruhigen, was allerdings eine Weile dauerte. Schliesslich standen wir alle nebeneinander und ich konnte erklären, warum ich die Nacht hier verbringe. Die Frau erzählte mir, dass sie hier wohnen und dass vor einigen Tagen Viehdiebe bei ihnen Ziegen gestohlen hätten. Sie hatten gedacht, ich sei einer dieser Viehdiebe. Die junge Frau schämte sich zutiefst über das Geschehene, kniete sich vor mir nieder, küsste meine Füsse und entschuldigte sich. Ich war sprachlos und zutiefst gerührt. Sie bot mir an, bei ihnen zu übernachten, was ich jedoch ablehnte. Als Dank dafür, dass sie die schwierige Lage beruhigen konnte, schenkte ich der Frau ein kleines Sackmesser und eine Büchse Thunfisch. Sie bedankten sich und verschwanden wieder in der Dunkelheit. Obwohl alles hätte schlimm enden können, schlief ich danach recht gut - aber nur, weil ich völlig kaputt und erschöpft war.




Am Rio Serano, Mittwoch, 14. Dezember, Camp 18 Tag

Es herrscht absolute Stille, nur das Zwitschern der Vögel durchbricht die Ruhe. Die Ereignisse von gestern erscheinen mir wie ein böser Traum. Früh am Morgen mache ich mich auf den Weg und erfreue mich an der vielfältigen Vegetation, die die steilen Felswände zieren. Schon bald erreiche ich den Ort, an dem der Weg aus der Schlucht führt und wo die Leute gestern hinabgestiegen sind.

Im oberen Teil des Rio Serano

Oben angekommen, führt der Weg am Indio-Hof vorbei, wo die Leute wohnen, mit denen ich gestern diese unangenehme Bekanntschaft hatte. Ich erkenne die Frau vor dem Haus; sie winkt mir zu, und ich erwidere den Gruss. Unsicher, ob sie mich zu sich rufen wollte, setze ich meinen Marsch fort, da ich heute noch Camargo erreichen möchte.

Später führt der Weg wieder hinunter in die Schlucht. Dort gedeihen alte Feigen- und Mandelbäume, die von den hier lebenden Bauern bewässert und gepflegt werden. Unten in der sehr engen Schlucht kann man den Weg im blankgeschliffenen Felsen nur erahnen.

Im unteren Teil des Rio Serano

Meist unerreichbar hoch in den Felsen kann man rote Farbpunkte sehen. Es sind Formen von Aylostera fiebrigii, die HJ 486

HJ 486 Aylostera fiebrigii fa.
Rio Serano, 2´900 m, 5km östlich Camargo, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

HJ 486 Aylostera fiebrigii fa.
Kulturpflanze: Klon 10

Irgendwann öffnet sich das Tal und man hat einen weiten Blick auf die Zielortschaft Camargo. In den Mimosa-Sträuchern wachsen Parodia camargensis, die HJ 487. Ihr Habitus ähnelt stark der tausend Meter höher wachsenden Parodia maassii HJ 481. Doch die Parodia camargensis bevorzugen mildes, warmes Klima und wachsen selten bis auf 3000 Meter. Dennoch sind die beiden Pflanzen eng miteinander verwandt.

HJ 487 Parodia camargensis
2 km östlich Camargo,2´600 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Während der Mittagspause unter einem Mimosenstrauch denke ich darüber nach, wie meine Reise weitergehen soll. Ich habe noch drei zusätzliche Tage zur Verfügung und genügend Lebensmittel. Auch die Camargo-Karte reicht noch etwa fünf Kilometer weiter nach Westen. Wenn ich über das Tal blicke, kann ich den Weg erkennen, der nach Santa Rosa führt. Das Gebirge dort sieht interessant aus. Allerdings müsste ich bei diesem dreitägigen Rundgang im äussersten Westen teilweise ohne Landkarte auskommen. Doch meine Abenteuerlust ist ungebrochen, egal was noch auf mich zukommt. Am späten Nachmittag erreiche ich das von steilen Sandsteinfelsen umrahmte Oasendorf Camargo. Ich höre wieder Geräusche, die mir fremd geworden sind: Motorengeräusche, hupende Autos, Musik aus den Häusern und Marktfrauen, die nach Kundschaft rufen. Direkt an der Plaza gönne ich mir für eine Nacht das nobelste Haus im Dorf, das Hostal Plaza. Hier gibt es ein anständiges Bett, in dem sich auch ein Gringo wohlfühlen kann, und eine Dusche. Ohne zu wissen, wie es meinen Liebsten zu Hause geht, freue ich mich nach fast drei Wochen Wildnis auf ein Telefonat nach Hause. Im Telefonamt Entel war es eine Tortur, eine Verbindung herzustellen. Doch irgendwann klappte es, und Dora war überglücklich und erleichtert zu hören, dass es mir gut geht.

Worauf ich mich seit Tagen freue, ist endlich wieder einmal etwas Feines essen zu gehen. Die Churrascaria in der Nähe bietet sich perfekt an, um ein anständiges Stück Fleisch zu geniessen und dazu das lang ersehnte Bier zu trinken

Camargo, 2´406 m hoch gelegen, ist die Hauptstadt der Provinz Nor Cinti im Dep. Chuquisaca




Camargo, Donnerstag, 15. Dezember, Hostal Plaza, 18 Tag

Ich geniesse das vielfältige Frühstück mit frischem Brot und tropischen Früchten. Die Frau in der Küche hat mir noch ein grosses Sandwich zum Mitnehmen zubereitet, und auf dem Markt kaufe ich frisches Brot und Bananen. Als ich danach auf der Strasse aus dem Dorf nach Norden marschiere, zeigt mein Schrittzähler Kilometer 226 an. Nur wenig später führt mein Weg bereits steil nach Westen in die Berge in Richtung Santa Rosa. Es ist eine farbenfrohe, bizarre Felsenlandschaft mit abwechslungsreicher Vegetation. Bei den Kakteen wachsen Parodia camargensis und Weingartia cintiensis. Später, wie schon oft, sehe ich auf über 3000 Metern in den Felsen wieder rote Punkte leuchten. Das Gelände ist so unwegsam, dass es mir nur mit akrobatischen Einlagen gelingt, an sie heranzukommen. Es sind Aylosteras, die HJ 488, die sich bei späteren Abklärungen als eine bereits bekannte Art entpuppten: die Aylostera mamillosa. Ihre Schönheit zeichnet sich durch die kräftig magentafarbenen Staubblätter und die grossen Blüten aus.

HJ 488 Aylostera mamillosa
Rancho Puqui Pampa, 5km nördwestlich Camargo, 3´030 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

HJ 488 Aylostera mamillosa
Kulturpflanzen: Klon 1, 16, 19, 20, 23, 26, 28, 30, 34 und 36

In Santa Rosa, einem Ort mit nur wenigen Häusern, frage ich nach Trinkwasser und dem Weg weiter nach Westen in Richtung Cerro Moro Grande. Doch bald macht sich die Müdigkeit des langen Aufstiegs spürbar bemerkbar. Es ist erst Nachmittag, als ich mich entscheide, kurz vor dem Gipfel neben einem Bach das Nachtlager einzurichten. Dennoch kann ich es nicht lassen, das Gelände in der Umgebung nach Kakteen zu durchsuchen. Bereits wenige Meter neben dem Bachbett, am steilen, mit Büschen bewachsenen Berghang, werde ich fündig. Es sind einzelne oder kleine Gruppen von Aylostera steinmanii, die HJ 489. Das Erscheinungsbild der Pflanzen weist kleine Unterschiede auf, von eher anliegenden bis hin zu leicht abstehenden Dornen.

HJ 489 Aylostera steinmanii
Cerro Moro Grande, 3´600 m, 5 km westlich Rancho Santa Rosa, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

HJ 489 Aylostera steinmanii
Kulturpflanzen: Klon 4 und 5




Cerro Moro Grande, westlich Rancho Santa Rosa, Freitag-16. Dezember, Camp 19 Tag

Bereits in den frühen Morgenstunden folge ich dem Bachlauf weiter und erreiche bald die Passhöhe, wo ich mich wieder orientieren kann. Um diesen dreitägigen Rundweg fortzusetzen, muss ich von hier aus nach Süden wandern. Doch vor mir erstreckt sich eine tiefe Schlucht, die quer zu meiner Richtung verläuft. Deshalb mache ich erst einmal eine Frühstückspause und überlege, wie es weitergehen soll.

Dann plötzlich steht ein Indio vor mir und erfreut sich jemanden zu sehen in dieser Abgeschiedenheit. Ich frage ihn ob es möglich sei die Schlucht zu überqueren. Ja sagt er und zeigt mir einen kaum sichtbaren Pfad der hinunter zum Rio Quirusilas führt. Aber er würde mir empfehlen die Schlucht zu umgehen, und erklärt mir wie ich das machen muss. Er nimmt zwei Fladenbrote aus seinem Stoffsack und schenkt mir eines. Und so Frühstücken wir gemeinsam und erzählen uns gegenseitig wieso wir hier sind und was wir noch gedenken zu tun. Der Man sagt, er würde nach Camargo gehen, Einkäufe machen, Freunde besuchen und sei heute Abend wieder zuhause. Ich staune immer wieder, wie schnell die Menschen unterwegs sind und welch grosse Distanzen sie dabei in einem Tag zurücklegen können.

Der junge Mann verabschiedet sich, und auch ich mache mich auf den Weg, oberhalb der Schlucht in Richtung Westen. Mittlerweile hat sich die Bewölkung aufgelöst, und die Sonne kommt zum Vorschein. Wie schon vor einigen Tagen entdecke ich wieder eine dieser weiss blühenden Formen von Aylostera leucanthema, die HJ 490. Es gibt keine sichtbaren Unterschiede zur HJ 484 am Oberlauf des Rio Serano.

HJ 490 Aylostera leucanthema
5km westlich Rancho Santa Rosa, 3´600 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

HJ 490 Aylostera leucanthema
Kulturpflanze: Klon 1

Auf dem Weg weiter nach Westen gibt es einen weiteren Standort der Aylostera leucanthema, die HJ 491, deren Samen in Kultur leider nicht gekeimt sind. Dasselbe gilt für die HJ 492, Weingartia cintiensis, die hier weit verbreitet ist. Bei der HJ 493, Lobivia laterita, die hier teilweise blüht, konnte ich keine Samen finden.

HJ 493 Lobivia laterita
Cerro Morro Grande, nordwestlich Camargo, 3´600 m, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Später entdecke ich weitere Aylosteras, die HJ 494 und die HJ 495. Bei beiden Feldnummern handelt es sich um Formen von Aylostera pygmaea.

HJ 495 Aylostera pygmaea
Cerro Morro Grande, 3´600 m, nordwestlich Camargo, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

Weiter nach Westen steigt das Gelände weiter an, und als ich den Cerro Timon Kuthuska erreiche, entdecke ich im steinigen Gelände eine weitere Form von Aylostera steinmanii, die HJ 496. Sie haben weisse bis gelbliche, abstehende oder struppig ineinander verflochtene Dornen. Am selben Ort gibt es auch einen idealen Platz zum Campen.

HJ 496 Aylostera steinmanii fa.
Cerro Timon Kuthuska, 3´800 m, nordwestlich Camargo, Dep. Chuquisaca, Provinz Nor Cinti, Bolivien

HJ 496 Aylostera steinmanii fa.
Kulturpflanzen: Klon 1, 2, und 3




Cerro Timon Kuthuska, Samstag, 17. Dezember, Camp 20 Tag

Es ist noch finster, als ich in der Ferne das Grollen eines Gewitters höre. Ein böiger Wind schüttelt mein Zelt hin und her. Doch obwohl es bald regnen wird, packe ich meine Sachen zusammen, in der Hoffnung, heute noch nach Camargo zu gelangen. Kaum wieder unterwegs, führt der Weg steil in die fünfhundert Meter tiefe Schlucht des Río Quirusilas. Der Pfad in den Felsen ist steil, unübersichtlich und schmal. Genau zu diesem Zeitpunkt setzt heftiger Regen mit Blitz und Donner ein. Bald kommen reissende Bäche von den Bergflanken und durchqueren meinen ohnehin glitschigen Weg. Die Situation ist sehr gefährlich, und ich warte an einem sicheren und stabilen Ort, bis sich die Lage beruhigt. Mein Regenponcho konnte diesem Naturereignis jedoch nicht standhalten, und ich bin durchnässt bis auf die Haut und schlottere vor Kälte. Zudem stehe ich in einem knöcheltiefen Tümpel.

Zum Glück ist das Wasser im Río Quirusilas nach einer kurzen Wartezeit etwas zurückgegangen, sodass ich den Aufstieg aus der Schlucht in Angriff nehmen kann. Doch schon bald kehrt die Sintflut zurück, und stürmische Windböen peitschen durch die Schlucht, sodass ich mich kaum aufrecht halten kann. Später zieht dichter Nebel auf, sodass ich den ohnehin kaum sichtbaren Weg immer wieder aus dem Blickfeld verliere. Dazu schmerzen meine steifgefrorenen Finger, die ich im stürmischen Wind nicht warmhalten kann. Es ist bereits Nachmittag, als ich endlich wieder offenes Gelände erreiche. Das heftige Gewitter hat sich mehr und mehr aufgelöst, und schon bald kann ich die Häuser der Hacienda Malcastaca erkennen. Von dort führt eine halbwegs befahrbare Strasse hinunter nach Camargo. Ausnahmsweise freue ich mich darauf, möglichst schnell ins deutlich wärmere Tal zu gelangen.

Blick von der Hacienda Malcastaca ins Tal von Camargo

Der weitere Abstieg führt abwechslungsweise durch farbige Felslandschaften und roten Sandsteinhügeln mit spärlicher Vegetation, und immer wieder gibt es herrliche Blicke ins Camargo Tal. In etwas tieferen Lagen, wo das Klima angenehmer ist, mache ich zum ersten Mal Pause und verschlinge meinen letzten Schokoriegel. Irgendwie kann ich es nicht glauben, dass meine Reise nach 21 Tagen Strapazen jetzt nach wenigen Kilometern zu Ende sein soll. Ja, ich bin glücklich und ein wenig stolz darauf, es geschafft zu haben.

Langsam wird mir bewusst, dass vieles möglich ist, wenn man gewillt ist, die Wildheit unberührter Natur zu schätzen und zu lieben und Freude daran hat, die Schönheiten auch im Kleinen zu entdecken.

Im kargen Tal von Camargo

Es dämmerte bereits, als ich nach zwölf Stunden Strapazen todmüde in Camargo ankam. An der Bushaltestelle erfuhr ich, dass der Bus nach Tarija in wenigen Minuten abfahren würde - was für ein Zufall. Nachdem ich am Kiosk einige Bananen gekauft hatte, sass ich bereits im komfortablen Bus, und los ging's in Richtung Tarija.

Trotz des schlechten Zustands der Schotterstrasse und des lauten Geschreis der Kinder, bin ich für einige Stunden eingeschlafen. Erst als der Bus für eine Essenspause anhielt und die Frauen an den Fenstern lautstark ihre bolivianischen Fast-Food-Gerichte anboten, wachte ich auf. Nach dem Abendessen waren die Passagiere müde und schliefen. Erst kurz vor Tarija, nach sieben Stunden Fahrt, wurde es wieder laut und hektisch. Beim Aussteigen gab mir ein Mann noch einen Tipp: Ich könne im nahegelegenen Hotel Martinez übernachten, es sei gut und nicht sehr teuer. Die junge Frau an der Rezeption war nicht sonderlich überrascht, dass noch Gäste kamen, wenn der letzte Bus aus dem Norden ankommt. Sie war eher überrascht, einen ziemlich schmutzigen und verwahrlosten Gringo vor sich zu haben.




Tarija, Sonntag, 18. Dezember, 21 Tag

Zugegeben, nach 21 Tagen in der Wildnis unter einer warmen Dusche zu stehen und sich am Frühstückstisch verwöhnen zu lassen, ist fast so schön wie draussen in unberührter Natur zu sein, aber sicher nicht so spannend. Da heute Sonntag ist, sind die Büros der Airlines geschlossen. Mit dem Taxi fahre ich zum Flughafen und frage dort bei Lloyd Aéreo Boliviano nach einem Flug für heute nach La Paz. Es gibt erst morgen wieder einen Flug, wird mir gesagt. Ich soll mich morgen in der Stadt beim Büro der Airline erkundigen. Bei Aero Sur gäbe es einen Flug, aber keinen Platz. So geniesse ich draussen unter den Schattenbäumen einer Pizzeria an der Plaza de Armas im Zentrum die langersehnte Pizza Margherita und das bunte Treiben der verschiedenen Menschen. Ihre Kultur, insbesondere die Musik und die Kleidung, entspricht der von Nordargentinien. Wie an vielen Orten ist auch hier zu sehen, dass Weihnachten vor der Tür steht. Die Häuser und Bäume sind mit Weihnachtsschmuck und farbigen Lichtern dekoriert, ähnlich wie bei uns zu Hause.

Bevor ich mich ins Hotel zurückziehe, versuche ich in der Telefonzentrale eine Verbindung nach Hause zu bekommen. Grosse Freude herrscht, als es auf Anhieb klappt und ich Dora berichten kann, dass ich pünktlich zu Weihnachten zu Hause sein werde. Erst jetzt, wo ich von dieser abenteuerlichen Reise loslassen und entspannen kann, macht sich die Müdigkeit so richtig bemerkbar. Gleichzeitig spüre ich Zufriedenheit und Dankbarkeit, dieses Abenteuer unbeschadet vollendet zu haben.




Tarija, Montag, 19. Dezember, 22 Tag

Kaum hatte das Büro der Lloyd Aéreo Boliviano geöffnet, wurde ich von einer netten jungen Dame bedient, die mir sagte, dass ich Glück hätte und es noch einen Platz für die 17-Uhr-Maschine nach La Paz gäbe. Das hat mich sehr gefreut, und ich packte gemütlich meine Sachen im Hotel, schrieb noch eine Weile Tagebuch und fuhr anschliessend mit dem Taxi zum Flughafen, um einzuchecken. Das Warten auf einem Flughafen ist immer langweilig, vor allem wenn er fast ausgestorben ist wie hier. Immerhin hatte das Restaurant geöffnet, wo ich etwas essen und meine Erlebnisse niederschreiben konnte. Später wurden auf der Infotafel laufend Flüge angezeigt, aber meiner nach La Paz war nicht dabei. Schliesslich kam eine Durchsage, dass mein Flug Verspätung hätte. Es war bereits 20 Uhr, als eine Boeing 727 landete und auf der Infotafel "Boarding nach La Paz" stand. Beim Einsteigen liefen die Triebwerke immer noch, und bald rollten wir zur Startbahn. Nach einer Stunde Flug landeten wir bereits in El Alto-La Paz, wo ich mit dem Taxi zum Hotel Oberland nach Mallasa fuhr.

Ernesto und Walter, die an der Bar sassen und mit anderen Gästen plauderten, waren überrascht von meiner späten Rückkehr aus Tarija. Wie schon bei meiner Ankunft bekam ich von Ernesto wieder das grosse Zimmer mit Blick auf die Berge.




Mallasa, Dienstag, 20. Dezember, 23 Tag

Der heutige und zweitletzte Tag meiner Reise beginnt gemütlich, und ich geniesse das reichhaltige Frühstücksbuffet mit verschiedenen Brotsorten, Früchten und Säften. Walter leistet mir dabei Gesellschaft und erzählt mir, dass er das Hotel Oberland von Ernesto, dem Erbauer und Besitzer, gekauft hat. Ernesto hat kürzlich eine Schweizer Metzgerei eröffnet und mich gebeten, heute vorbeizukommen, was ich am Nachmittag auch getan habe. Seine Metzgerei befindet sich in einer Seitengasse nahe dem Zentrum. Die altmodischen Wurstmaschinen hat er aus der Schweiz importiert und dazu auch noch einen guten Freund, der das Metzgerhandwerk gelernt hat. Ich habe die Cervelats probiert, und sie schmecken wie unsere zu Hause. Später hat Ernesto mich in ein gutes brasilianisches Restaurant eingeladen. Hier kann man für 10 US-Dollar so viel Fleisch, Gemüse und Früchte essen, wie man möchte, und das Dessert ist auch dabei. Da ich auf meiner Reise ziemlich viel Gewicht verloren habe, war mein Hunger entsprechend gross, was vom Servierpersonal fast als unanständig empfunden wurde.

Es war Abend geworden, als Ernesto sagte, er hätte sich mit Freunden in der Bar im Schweizer Restaurant verabredet und fragte, ob ich Lust hätte mitzukommen. So kam es, dass ich weitere Bekanntschaften mit Schweizern machte, die hier leben. Es gab viel zu erzählen, und so verbrachten wir einen feuchtfröhlichen Abend bis spät in die Nacht.




Mallasa, Mittwoch, 21. Dezember, 24 Tag

Heute ist mein letzter Tag in Bolivien und fahre deshalb nochmals ins Zentrum von La Paz um bei Lloyd Aéreo Boliviano meinen morgigen Flug zu bestätigen. An der Plaza San Francisco wo es in den Gassen alles Mögliche zu kaufen gibt, schaue ich nach einigen wenigen Weihnachtsgeschenken. Zurück im Hotel Oberland, lerne ich den Schweizer Jörg kennen. Er ist Architekt und hat Ernesto geholfen das Hotel Oberland zu bauen. Aber er ist auch spezialisiert im Bau von Hängebrücken und hat in den Jungas bereits einige davon gebaut. Jörg hat mich danach eingeladen in seinem neu gebauten Haus weit oberhalb von Mallasa, mit Blick auf den mächtigen Nevada Illimani. Wir Grillten draussen auf offenem Feuer und erzählten uns Geschichten aus unserem Leben.




Mallasa, Donnerstag, 22. Dezember, 25 Tag

Mein Flug nach Hause ist erst am Nachmittag, also kann ich noch gemütlich frühstücken und Postkarten schreiben. Walter gesellt sich zu mir und nimmt mich später mit zur Metzgerei von Ernesto nach La Paz, wo ich mich von ihnen verabschiede. Beim Schweizer Bäcker, ganz in der Nähe, kaufe ich mir noch Apfelkuchen, die es nur hier gibt, und fahre dann mit dem Taxi zum Flughafen.

Hier gibt es einen Briefkasten für meine Postkarten, und mit dem wenigen Geld, das übrigblieb, kaufe ich am Kiosk Süssigkeiten. Pünktlich um 14 Uhr gestartet, fliegen wir kurz danach bei traumhaftem Wetter über den Lago Titicaca nach Norden mit Blick auf die Königskordillere. Nach einer Zwischenlandung in Lima geht es weiter nach Bogotá und Caracas. Danach Anschlussflug mit dem Jumbo der Lufthansa nach Frankfurt und weiter nach Zürich. Wie man sich danach fühlt, brauche ich nicht zu sagen. Was ich jedoch sagen kann, ist, dass ich glücklich bin, wieder zu Hause zu sein und Dora bei der Ankunft zu umarmen.





Literatur:
Erstbeschreibungen von HJ-Kakteen, Bolivien 1994

Aylostera:
Diers, L. (2017): Aylostera juckeri spec. nov. Succulenta 96 (2): 61-70
Diers, L. & Jucker, H. (2022): Aylostera berchtiana sp. nov. Und Aylostera berchtiana var. splendida var. nov. Succulenta 101: 172-185
Lobivia:
Diers, L. & Jucker, H. (2015b): Lobivia tiegeliana var. borealis var. nov. Echinopseen 12 (2): 57-68
Parodia:
Diers, L. (2014): Parodia juckeri Diers spec. nov. Succulenta 93 (3): 108-117
Diers, L. & Jucker, H. (2017b): Parodia juckeri var. australis var. nov und Parodia juckeri var. boralis var. nov. Succulenta 69 (4): 157-170.
Sulcorebutia:
Gertel, W. & Jucker, H. (2004): Sulcorebutia camargoensis (cactaceae) - eine neue Art aus der Umgebung von Camargo, Bolivien. Kakt. and. Sukk. 55 (4): 85-92
Gertel, W. & Jucker, H, & de Vries, J.(2006b): Sulcorebutia azurduyensis (Cactaceae) - eine neue Art aus der Umgebung von Azurduy, Bolvien. Kakt. and. Sukk. 57 (9): 239.247.